Konzertkritik : Art Brut: Im Herzen Punk

Im Kreuzberger Lido treten Art Brut mit viel Energie auf der Stelle.

Jörg W,er

„Punk Rock ist nicht tot“ krakeelt Eddie Argos in „St. Pauli“, einem der zentralen Songs seiner Band Art Brut. Vielleicht macht Punk aber dicken Bauch, denn Argos‘ Plautze scheint bei jedem Tour etwas kugeliger zu werden. Der 29-jährige Berufsjugendliche aus dem südenglischen Weymouth ist im Lido bester Laune und ergeht sich in weitschweifigen Erläuterungen zu den einzelnen Liedern, die meist direkt in das turboaufgeladene Geschredder seiner vier Begleiter übergehen. So fabuliert er über spasmische Zuckungen vor den Meisterwerken im Amsterdamer Van-Gogh-Museum, was zu einer stark veränderten Version des programmatischen Kunst-Exkurses „Modern Art“ führt.

Art Brut waren zu Beginn ihrer Karriere eine außergewöhnliche Britpop-Band, weil sie ihren Status als Teil der Popkultur zum Hauptthema ihrer Lieder gemacht haben. Heraus kamen aufregende Meta-Popsongs, die vom Gründen einer Rockgruppe („Formed a Band“), Lieblingsbands („Bang Bang Rock‘n‘Roll“) oder der musikalischen Initiation des kleinen Bruders („My little Brother“) handeln und begeistert aufgenommen wurden. Astreine Britpop-Kracher mit Punk-Attitüde und doppelbödigen Texten: nichts wie her damit!

Leider hat man mittlerweile den Eindruck, als hätten sich Art Brut vor allem musikalisch im Klischeesumpf festgefahren. Wahrscheinlich wäre es immer noch interessant, Argos‘ schlaumeiernden Reflexionen über „DC Comics and Chocolate Milkshake“ zu lauschen, wenn nicht stets der gleiche Gitarrenrock-Brei in annähernd identischem Tempo dazu erklingen würde. Und sein Genöle über die inhaltliche Armseligkeit gewisser Indie-Superhits – „Human“ von den Killers und „Sex on Fire“ von Kings Of Leon kriegen hier ihr Fett ab – ist zwar völlig berechtigt, wird aber durch die stumpf geschabten Riffs von „Slap Dash for no Cash“ zugleich der ironischen Schärfe beraubt.

Dabei ist es keineswegs Unvermögen, das Art Brut von differenzierteren Strukturen abhält. Vermutlich sind sie wirklich im Herzen Punks, auch wenn sie nicht danach aussehen: Das lustvolle Gehacke und putzige Gepose der beiden Gitarristen und die stoische Stehnummer von Drummer Mikey Breyer deuten jedenfalls darauf hin und erklärt womöglich die renitente Innovationsverweigerung. Immerhin, die alten Hits wie „Emily Kane“ oder „18.000 Lira“ zünden genauso gut wie früher, die Band rockt wie immer hochenergetisch, das Publikum hat beim Toben seinen Spaß. Nach 75 Minuten und der obligatorischen Drei-Song-Zugabe strömt es aber auch klaglos dem Ausgang entgegen.

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