Konzertkritik : Bluegrass Jamboree in der Volksbühne

Michael Cleveland & Flamekeeper, Shotgun Party, Jeff & Vida: Im Grünen Salon der Volksbühne war Betörendes und Hochgeschwindigkeitsmelodik zu hören.

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Michael Cleveland & Flamekeeper.
Michael Cleveland & Flamekeeper.Foto: Promo/Shawn Wright

"Jamboree", ein Begriff aus der Pfadfinderbewegung für deren internationale Stammeszusammenkünfte, wurde irgendwann übernommen von Bikern, Rock'n'Rollern und anderen Musikern für ihre jährlichen Großtreffen.

Beim "Bluegrass Jamboree" im Grünen Salon der Volksbühne allerdings wirkt das Motto fast ironisch. Denn der Stamm der Berliner Bluegrass-Jünger ist offenbar nicht besonders groß, und so hat dieses überschaubare Treffen im heimeligen kleinen Salon mit tiefen Clubsesseln und Kerzen auf den Tischchen eher die private Note eines Wohnzimmerkonzerts als eines Jamborees.

Aus dem bequemen Fauteuil schaut man hoch zur Bühne, zum Duo "Jeff & Vida" aus Nashville, Tennessee. Vida Wakeman im Retrolook mit Ponytail, Kreolen, blumigem Rock, kecken Stiefeletten und Akustikgitarre betört mit hübscher, leicht gequetscht rockender Country-Stimme. Dazu brilliert Jeff Burke mit Harmoniegesang und melodisch rhythmischen Mandolinen-Licks. Eine höchst angenehme halbe Stunde folkiger Americana-Songs über einen "Heartache Train", den "Sugarcane Blues" und "The Queen Of Broken Hearts".

Charmant und aufgekratzt dann auch das junge Trio "Shotgun Party" aus Austin, Texas. Mit offensichtlicher Leidenschaft spielen sie eine furiose Mixtur: Western-Swing, der von einer Vorliebe für Bob Wills zeugt, düstere Walzer, mexikanischen Balladen, Rockabilly-Geratter und Bluegrass-Rasanz. Katy Cox im engen bronzefarbenen Etuikleid fiddelt lustig swingende Cowgirl-Jazz-Soli oder schmiert eine melancholische Zigeunergeige. Im Duett mit der quirligen Akustik-Gitarristin und Sängerin Jenni Parrot in kurzem Röckchen erinnert der Gesang der beiden Ladys in den Fischnetzstrümpfen gelegentlich an die Andrews Sisters, dann wieder an die große Rock'n'Roll-Ikone Wanda Jackson, der sie mit einer kribbeligen Version von "Fujiama Mama" huldigen. Wobei der junge Andrew Austin Peterson noch mal knallig perkussiv über seinen Kontrabass knattert. Vergnügliche, höchst unterhaltsame Truppe.

Die wahren Traditionalisten des Bluegrass kommen zum Schluss. Nicht von ungefähr nennt der mehrfach zum "Bluegrass-Geiger" des Jahres ausgezeichnete Michael Cleveland seine Gruppe "Flamekeeper". Tatsächlich wirken "Michael Cleveland & Flamekeeper" wie die Bewahrer der Flamme des traditionellen Country-Musikstils, der Anfang der 40er-Jahre aus den Bergen von Tennessee und Kentucky kam - einer ländlichen Umgebung, in der das Gras einen blauen Schimmer hat - und der vom legendären Mandolinisten Bill Monroe (and his Bluegrass Boys) popularisiert wurde.

Im Grünen Salon sieht es dann doch noch ein bisschen aus wie beim Pfadfindertreffen oder beim Singleclub, wie die Band da oben auf der Bühne steht, etwas konservativ, ein bisschen bieder, alle artig frisiert und gescheitelt, keiner trägt Jeans, alle lächeln freundlich sendungsbewusst und haben die Instrumente hochgeschnallt - zumindest der exquisite Flatpicking-Gitarrist Tom Adams.

Aber dann stürzt in halsbrecherischem Tempo eine Wahnsinnsmusik auf die Clubsessel im Auditorium herab, wie man sie sicher kaum je auf einem "Boyscout Jamboree" hören würde. Ungestöpselte Instrumente in Hochgeschwindigkeitsmelodik. Dazu immer wieder traumhafter mehrstimmiger Gesang. Eine rein "akustische" Musik, die auch ohne Schlagzeug über rasant rhythmischem Schienenschlag dahinrollt. Wenn Marshall Wilborn auf dem Kontrabass die Eins und die Drei des Taktes herausschlägt wie eine Bassdrum und Jesse Brocks auf der Mandoline mit seinen "Chops" die Zwei und die Vier betont, wie sonst üblicherweise die Snare beim Schlagzeug. Wenn der erst 18-jährige Jessie Baker sein kollerndes fünfsaitiges Banjo im Dreifinger-Picking in die freigebliebenen Stellen plickert. Und Michael Cleveland sturzbachartige Melodiekaskaden fiddelt.

Wie im traditionellen Bluegrass üblich umstehen die Musiker mit ihren unverstärkten Instrumenten ein einziges aufrecht dastehendes Studiomikrofon, treten vor, wenn sie dran sind mit ihrem Solo, huschen seitlich weg, um Platz zu machen für den nächsten Solisten, stellen sich hinten wieder an, bis sie erneut vortreten, zum Singen, zum instrumentalen Solo, immer weiter im Kreis - ein hübsches Perpetuum Mobile.

Nein, stimmt doch nicht ganz: Michael Cleveland steht auf der rechten Seite mit eigenem Mikrofon für seinen Harmoniegesang und seine wilde Fiddle, mit der er verschmitzt auch mal einen Fetzen "Smoke On The Water" von Deep Purple oder ein paar Take "Norwegian Wood" der Beatles zwischen all die Bluegrass-Tradition geigt. Den Kreislauf ums Gemeinschaftsmikro könnte er nicht mitmachen, weil er wegen seiner Blindheit den Weg nicht finden würde. Musikalisch findet er sich umso besser zurecht. Solo spielt er ein langsames, fast klassisches Geigensolo, eine elegische Ballade, die sich dann erneut nur wieder als Intro erweist zu weiterem virtuos wahnsinnigem Hochgeschwindigkeitsgefiddel.

Zum Finale wird der Abend - zumindest auf der Bühne - schließlich doch noch zu einem kleinen Jamboree. Als alle Musiker, inklusive Veranstalter, zu elft noch ein paar hübsche Songs zusammenspielen und mit drei Mandolinen, drei Gitarren zwei Geigen, zwei Kontrabässen und einem Banjo mächtig Dampf machen. Will the circle be unbroken!

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