Konzertkritik : Brian Wilson: Der Buddha aus Kalifornien

Ein Beach Boy, der immer noch vom Surfer Girl träumt: Brian Wilson trat im Tempodrom auf.

Christian Schröder
Beach Boys Mitglied Brian Wilson singt im Tempodrom
Das Leben des Brian, Brian Wilson.Foto: Davids

Wie es klingt, wenn die Engel singen, weiß kein Mensch. Man muss es sich aber wohl sehr sanft und feierlich hallend vorstellen. Also etwa folgendermaßen: Der Backgroundchor säuselt „Aihaihai-ai“, eine Bassstimme grummelt „Ba-ba-babap“, dann setzt der Leadgesang ein: „Little surfer, little one / Made my heart come all undone / Do you love me, do you, surfer girl / Surfer girl, my little surfer girl?“

Natürlich ist es etwas seltsam, einem 67-jährigen, übergewichtigen Mann im karierten Hemd dabei zuzuhören, wie er ein „kleines surfer girl“ fragt, ob sie ihn liebt. Vor allem, wenn man weiß, dass dieser Mann niemals auf einem Surfbrett stand und das Meer inzwischen sogar hasst, weil ihm das Wasser „zu kalt“ ist, wie er gerade im Interview bekannte (Tagesspiegel vom 8. Juli). Brian Wilson hat „Surfer Girl“, den allerersten Beach- Boys-Song, der nicht von Meereswellen oder Autos, sondern von der Liebe handelt, 1963 geschrieben. Damals war er ein junger Twen, der von einem Mädchen träumte, mit dem er sein Leben teilen könnte: „We could ride the surf together / While our love would grow.“

Jetzt sitzt er auf einem Barhocker hinter seinem Keyboard, daneben steht ein Teleprompter, von dem er die Songtexte ablesen kann, ein Ventilator bläst ihm kalte Luft zu. Brian Wilson sieht nicht wie ein Popstar aus, eher wie ein Sachbearbeiter. Doch bei seinem Konzert im Tempodrom wird „Surfer Girl“ zu einem berührenden Höhepunkt. Wilsons immer noch sehr hohe, mitunter brüchige Stimme vereinigt sich mit dem falsettierenden Summen seiner achtköpfigen Begleitung zum engelsgleichen Chor. Ganz leise zischelt dazu im Hintergrund das Schlagzeugbecken. Ein himmlischer Moment. Sein Album „That Lucky Old Sun“, das im letzten Jahr herauskam und aus dem er an diesem Abend ein halbes Dutzend Songs spielt, hat Wilson seiner Ehefrau Melinda gewidmet: „Forever you will be my surfer girl.“

Neunhundert Zuschauer sind in die Halle gekommen. Für einen Musiker, der mit dem Beach-Boys-Meilenstein „Pet Sounds“ eines der großen konzeptionellen Kunstwerke des 20. Jahrhunderts geschaffen hat, vergleichbar mit Picassos „Demoiselles d’Avignon“, dem „Zauberberg“ oder dem VW Käfer, ist das eigentlich beschämend wenig. Doch so haben die Fans die Möglichkeit, den Sänger, der lange als menschenscheuer Eigenbrötler galt und fast vierzig Jahre lang überhaupt nicht auf Tour gegangen war, in intimer Nähe zu erleben.

Wilson hockt beinahe den ganzen Abend wie festgeklebt in der Bühnenmitte, ein kalifornischer Buddha mit streng zurückgebürstetem Haar. Manchmal spielt er ein paar Keyboardakkorde, manchmal schnipst er mit der rechten Hand den Rhythmus oder gibt seiner Band einen Einsatz. Kurz vor Schluss, beim Heuler „Help Me Rhonda“, hängt er sich noch einmal die Bassgitarre um, die er bei den frühen, vom frenetischen Kreischen weiblicher Teenager begleiteten Auftritten der Beach Boys spielte. Da wird im Tempodrom zwar nicht gekreischt, aber immerhin lauthals gejubelt.

Wilson wirkt sehr entspannt, in seinen Ansagen mischt er Scherze mit mildem Selbstlob. „Sie werden den Song nach den ersten Gitarrenakkorde sofort erkennen“, sagt er ganz am Anfang, dann folgt „California Girls“. „I wish they all could be california girls“ war der Stoßseufzer eines Jungen, der von lauter schönen Mädchen umgeben sein wollte. Wilsons Hits verströmen eine Unbeschwertheit, in der ein Heilsversprechen zu liegen scheint. Wäre die Welt nicht besser, wenn wir alle Kalifornier wären, unter einem ewigblauen Himmel lebend, das Meeresbranden im Ohr?

Mit „Pet Sounds“, das vom „Rubber Soul“-Album der Beatles beeinflusst war, verschmolz Brian Wilson den sonnendurchfluteten Teenagerpop der Beach Boys zum großen symphonisches Werk. Mit dem Nachfolgealbum „Smile“ wollte er „Sgt. Peppers“ von den Beatles übertrumpfen. Daran scheiterte er, zog sich jahrelang ins Schlafzimmer zurück, litt an Flugangst und den Drogen, hörte Stimmen. Am Ende hat er „Smile“ doch noch vollendet, allerdings 2005 und nicht 1967. Da klang es dann nicht mehr avantgardistisch, sondern nostalgisch.

Ein Hauch von Tragik umweht ihn, doch so wie Brian Wilson an diesem Abend mit seinen zwanzig, dreißig Jahre jüngeren Begleitern musiziert, seine Klassiker „God Only Knows“, „Do It Again“ und „Good Vibrations“ spielt und mit „Johnny B. Goode“ dem Vorbild Chuck Berry huldigt, scheint er glücklich zu sein. Er ist ein großer Überlebender des Rock ’n’ Roll. „I had this dream / Singing with my brothers / In harmony, supporting each others“, wispert er am Ende, in Erinnerung an seine verstorbenen Brüder Carl und Dennis, die er – so heißt es in den Liner Notes von „Lucky Old Sun“ – „jeden Tag meines Lebens“ vermisst. Noch ein großer berührender Moment.

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