Konzertkritik : Leonard Cohen in der Waldbühne

Leonard Cohen verströmt bittersüße Melancholie, singt die Welt düster und macht vielleicht gerade dadurch Mut und Hoffnung. Mit fast 76 Jahren rührt und verzaubert er weiter seine Zuhörer.

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Leonard Cohen stattete Berlin seinen dritten Besuch binnen weniger als zwei Jahren ab.
Leonard Cohen stattete Berlin seinen dritten Besuch binnen weniger als zwei Jahren ab.Foto: ddp

Pünktlich um halb sieben sprintet Leonard Cohen zu seiner Band aufs Podium der Waldbühne, drahtig schlank im eleganten schwarzen Dreiteiler, mit Fedora-Hütchen und einem Texas-Schlips, zusammengehalten von einer silbernen Spange mit Kreuz, Herz und Anker. Glaube, Liebe, Hoffnung sind in unterschiedlichen Varianten auch immer wieder Motive der Songs des großen 75-jährigen Songpoeten aus Montreal, der sich in seinen jungen Jahren mehr als Schriftsteller in der Nachfolge der "Beat-Generation" gesehen hatte, und der eher beiläufig zur Musik gekommen war.

"Dance me to the end of love" singt er mit tiefem, gegerbtem Bariton, den das Leben mit den Jahren immer mehr nachgedunkelt hat.
Aber er brummelt nicht, grummelt nicht - er, der über sich selber sagt, ihn als Sänger zu bezeichnen, sei ein Witz - er singt wirklich und wahrhaftig, schön und anrührend, mit jedem Ton an der richtigen Stelle, immer exakt auf den Punkt: Einsätze, Stimme, Stimmung. Tief, melancholisch und immer auch ein bisschen selbstironisch.

Dabei hatte man schon befürchtet, Leonard Cohen nie wieder im Konzert hören zu können, hatte er sich doch in den 90er-Jahren aus dem Musikgeschäft zurückgezogen, in ein Kloster in den kalifornischen Bergen, um Zen-Mönch zu werden. Ganze fünfzehn Jahre konnte man ihn auf keiner Bühne mehr sehen, doch dann war er plötzlich wieder da, ging wieder auf Tour, nachdem - so hatte es geheißen - eine Managerin mit seinem gesamten Geld durchgebrannt war. Doch wozu braucht ein buddhistischer Mönch eigentlich noch Geld?

Wie auch immer, für seine älteren, neueren und jüngeren Fans ist es ein Segen, dass der sanfte Mann mit den großen Ohren, imposanter Nase und zarten schlanken Fingern, mit denen er raffiniert die Nylonsaiten seiner schwarzen Godin Elektroakustikgitarre zupft, im Jahr 2008 nach der langen Zurückgezogenheit endlich wieder ins öffentliche Leben zurückkehrte.

Nachdem er in Konzerten im Oktober 2008 und im April 2009 der sterilen O2 World etwas Wärme und Seele einhauchen konnte, erweist sich nun beim dritten Berlin-Auftritt binnen weniger als zwei Jahren, die sommerliche Waldbühne als atmosphärisch angemessenerer Schau- und Hörplatz. Zumal auch der befürchtete Regen ausblieb.

Cohen hebt die Augen über 12.000 Konzertbesucher zum Himmel, scheint den Blick in die Unendlichkeit zu richten, die Ewigkeit. Was mag er sich dabei denken, wenn er seit zwei Jahren immer wieder dieselben Lieder singt, fast immer auch in derselben Reihenfolge? "I've seen the future, brother, it is murder!" Und wenn er einen damit immer wieder zu Tränen rühren kann. Wenn er in einer Mischung aus Demut, Würde, Bescheidenheit und Brillanz zwischendrin den Hut abnimmt, vors Herz hält und leicht gebeugt, charmant lächelnd den tosenden Beifallsstürmen standhält. "There ain't no cure for love". Wenn er diese bittersüße Melancholie verströmt, die Welt düster singt und vielleicht gerade dadurch Mut und Hoffnung macht. "I have tried in my own way to be free". Wenn er in "The Darkness" im Geiste von Bobby Blue Bland beseelt bluesig losrockt oder im zauberhaft hymnischen "Anthem" feststellt: "There is a crack in everything, that's how the light gets in" - dass alles kaputt sei, es durch die Risse und Brüche in den Dingen aber auch erst möglich werde, dass das Licht durchscheint. Allmählich wird der Himmel dunkel und die Lichter scheinen umso wirkungsvoller auf der Bühne.

Mit langen, tiefen Verneigungen, Hut vorm Herz würdigt Cohen seine brillanten Mitmusiker, die auch immer wieder genügend Freiheit bekommen, mit eigenen Solobeiträgen zu glänzen: Der fingerflinke Javier Mas aus Barcelona, der traumhaft diverse akustische Saiteninstrumente spanisch, orientalisch, flamencohaft, jazzig, bluesig und noch ganz anders klingen lässt. Der vielseitige Bläser Dino Soldo mit Saxofon, Harmonica, Bassklarinette. Neil Larson, der nach feiner alter Schule noch eine echte Hammond B3 mit Leslie Cabinet spielt. Dazwischen pickt Bob Metzger geschmackvolle Country-Fills und Soli aus einer Telecaster Thinline. Rafael Gajol trommelt im Dienst der Songs angenehm zurückhaltend. Der musikalische Leiter Roscoe Beck brilliert an Bassgitarre und Kontrabass, und das zauberhafte Folk-Duo The Webb Sisters, die Schwestern Charley und Hattie Webb, sowie Sharon Robinson, Cohens Co-Autorin bei etlichen Songs, betten Cohens kellertiefen Gesang in himmlische Harmonien.

Nach guten anderthalb berauschenden Konzertstunden und einem prägnanten Schlusspunkt, nach dem etliche Fans annehmen, nun sei es zuende, sagt Cohen lässig, man werde gleich zurückkommen zum zweiten Teil. Orkanartiger Jubel, Cohen lächelt schelmisch.

Und dann geht es noch einmal ganze neunzig Minuten im zweiten Teil des Abends. Mit "The Tower Of Song" und "Suzanne" in kleiner Besetzung, sehr schön und still und zerlegt aufs Wesentliche. "Sisters Of Mercy", "Partisan" aus dem brillanten Songkatalog von über vierzig Jahren. aber auch mit dem relativ neuen "Feels So Good", einer Art Country-Soul-Nummer, die in ihrer Melodie Bob Dylans "Just Like Tom Thumb's Blues" aufgreift. Wehmütige Erinnerungen an zerbrochene Beziehungen. Cohen schließt die Augen, lässt den Blick nach innen fallen. "Hallelujah". Wunderkerzen, Feuerzeuge und Handys leuchten im Auditorium. "First we take Manhattan an then we take Berlin".

Cohen strahlt noch mit jeder Menge weiterer Songs, bevor er wieder den Hut aufs Herz legt, selig lächelt, den Oberkörper nach vorne neigt zum tosenden Beifall der stehenden Fans. Sie sollen vorsichtig nach Hause fahren, sagt er, und sich keine Sommererkältung holen. Und Gott sei Dank, dass es nicht geregnet hat, sagt er auch. Ja, Gott sei Dank für das und für Leonard Cohen, der nie besser, nie bewegender gesungen hat als jetzt mit fast 76 Jahren. Auch das sollte Mut machen, nachdem er zuvor noch in "Take This Waltz" die schöne Textzeile eingefügt hatte: "I told the truth, I did not come here to Berlin to fool you!"

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