Konzertkritik : Malcolm Holcombe im Berlin Guitars

Malcolm Holcombe, der liebenswerte Außenseiter mit Ehrenkodex, spielt im Berlin Guitars und unser Konzertkritiker H.P. Daniels ist natürlich mit dabei. Er erlebt einen bemerkenswerten Auftritt.

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Malcom Holcombe; Rätselhaft und undefinierbar.
Malcom Holcombe; Rätselhaft und undefinierbar.Foto: promo

Malcolm Holcombe kommt wie aus einer anderen Zeit, einem anderen Leben, einer anderen Welt – seiner eigenen Malcolm-Holcombe-Welt. Und wie erfreulich ist es, dass es in der "normalen" Welt des täglichen Wahnsinns solche Menschen und Künstler gibt, die sich einen Dreck schert um das große Musikgeschäfte. Womit Holcombe im ermutigenden Widerspruch steht zu Castingshows, Echo-Verleihungen und sonstigen oberflächlichen Unerträglichkeiten heutiger Zeiten.

Alles Künstliche, Geglättete, Gekämmte und Geschniegelte liegt diesem Mann fern, dessen Alter undefinierbar ist, und der immer auf den ersten Blick ein bisschen rätselhaft wirkt. Doch keinesfalls wie ein Penner sieht er aus, eher wie ein "Hobo". Hobos waren schon immer anders als die Masse der wohlanständigen Bürger: liebenswerte Außenseiter mit Ehrenkodex. John Steinbeck, Woody Guthrie, Jack Kerouac waren unterwegs als Hobos, haben darüber geschrieben.

In einer ähnlichen Tradition stehen die Song-Geschichten des umherreisenden Singer/Songwriters Holcombe, seine faszinierende Mischung aus Blues, Folk und Country. Seine bittersüßen Storys, seine melancholischen Erinnerungen an frühere Jahre und wie schnell man älter wird, ein Leben vergeht. Songs und Geschichten wie vergilbte Fotos, die zeigen wie es war, das einfache Leben in den Blue Ridge Mountains von North Carolina. Als die Großmutter noch lebte und der Vater ein hart arbeitender Mann war, als Busfahrer und auf einer Tankstelle. Holcombe macht kein großes Aufhebens um seine Kunst, auch er sieht sich als einfacher Arbeiter, der herumreist, um seine Lieder zu singen, und denen, die sie hören wollen, Freude zu bereiten.

Mit gebeugtem Rücken kommt er angeschlufft ins Schöneberger "Berlin Guitars", schon zum dritten Mal in den letzten drei Jahren. Immer noch trägt er seine geliebte braune Lederjacke, mit der man ihn seit Jahren sieht, mit der er fast auf jedem Foto abgebildet ist, deren Risse und Löcher inzwischen allerdings mit Jeans-Flicken sauber vernäht sind. Er wirft seine gefranste, verfilzte Wollmütze auf den Boden, ordnet die schlotterigen Jeans um die Hüften, justiert den Gürtel, verzieht das Gesicht, kneift die Augen zusammen und grinst schief: "Don't worry!" Er nimmt die Gitarre, ruckelt sich auf dem Schemel zurecht und tut das, was er am Besten kann: mit starken Händen, die nach schwerer Arbeit aussehen, pickt er kräftig und hart, aber auch zart und gefühlvoll die Saiten seiner Martin-Akustikgitarre, lässt die Finger Walzer tanzen und die tiefe Stimme über eine unbefestigte Melodie schottern: "They sing about cities / and brag about steel / world's seven wonders / I cannot feel…"

Das Sterile, Geleckte, Moderne passt nicht in Holcombes Gefühlswelt. Schon anfang der Neunziger in Nashville wollte er sich nicht glatt bügeln lassen für den kommerziellen Erfolg eines geschniegelten Countrystars. Da ist er lieber wieder verschwunden in die Heimat seiner Berge, hat seine Musik so gespielt, wie er sie empfunden hat. Einfach, schön und ohne Schnickschnack. Und dennoch so virtuos.

Bei Holcombe geht es um die wahrhaftigen Dinge, um die Seele, den Ausdruck, die Erfahrungen, um echte Gefühle. Nicht um vorgegaukelte Emotionsplaste. Und wenn sich das auch nur in einem einfachen, aber herzerwärmenden Refrain ausdrückt: "My heart loses time / Oh where has it gone / Your love has the answers in the mountains of home…". Sicher hat Holcombe einige Härten des Lebens gespürt, erlebt und überlebt, und doch ist er nicht verbittert, sondern erstaunlich sonnig im Gemüt und lebensfroh.

Stimme, Gitarre und Ausdruck sind stark genug, um auch ohne Verstärkung ihre mächtige Wirkung zu entfalten. Keine Mikrophone, keine Tonabnehmer, keine Verstärker. Der frenetische Beifall scheint dem scheuen Holcombe peinlich zu sein, und so schraddelt er nahtlos rüber in den nächsten Song, die nächste Geschichte: "Mighty City". Wieder geht es um das Gefühl von Einsamkeit im großen Getriebe: "… soaked to the bone by the rain / cold and lonely again and again / that mighty city of trains / moves closer and closer within…". Und dann auch wieder das beklemmende und gleichzeitig befreiende Gefühl der Nichtzugehörigkeit: "Where I Don't Belong".

Holcombe kneift die Augen zusammen, taucht ein in Erinnerungen, Vorstellungen, Bilder und versinkt in einem Blick nach innen. Mit wildem Flackern taucht er wieder auf, kommt nach außen, rollt mit den Augen, schüttelt manisch den Kopf, kippelt gefährlich auf dem Hocker. Er macht energisch "schscht!" und winkt den tosenden Applaus nieder mit heftiger Armbewegung. Wenn er spricht, ist er schwer zu verstehen, mit seinem North-Carolina-Nuscheln. Man muss aufmerksam hinhören, um wenigstens ein bisschen was mitzubekommen: Ob jemand diesen Film mit John Belushi gesehen habe, mit den Akroyd, "Neigbors", fragt er. Ratlose Stille im Publikum. Stille bei Holcombe. Dann brüllt er: "Don't watch it!"

Die meisten Songs stammen vom neuen Album "To Drink The Rain", auf dem er begleitet wird von zusätzlicher Dobro, Bass und Fiddle. Doch wenn Holcombe im Konzert nur ganz alleine auf dem Stuhl herumhibbelt mit seinem herausragenden Gitarrenspiel zur schmirgeligen Stimme, die gelegentlich an Bob Dylan erinnert oder auch an Tom Waits, aber doch am meisten an Holcombe selbst, dann hat das seinen ganz eigenen Charme. Aber jetzt macht er erstmal eine Pause, sagt er. Dass er draußen eine rauchen kann. Er habe nämlich zufällig gerade Zigaretten in der Tasche.

Zurückgekehrt knarzt er seine Gedanken zur Politik der USA im Song "Behind the #1": "We can't kill ev'rybody / we can't bribe ev'rybody /who disagrees with freedom / with the bloody hands of freedom / fillin' up a dirty ocean / with a mighty hole a bleedin' …" Und wieder würgt er den Applaus ab, indem er gleich in die klirrenden Akkorde von "Comes The Blues" übergeht, die Saiten knallen lässt zum Sprechgesang und einer darunter liegenden Melodie, die an den großen Townes Van Zandt denken lässt: "Out of the city comes the blues / grabbin' hold of me and you / chokin' mem'ries by the hands of the truth/ out of the city comes the blues…" Mit einer Intensität, die Spuckeblasen auf der Unterlippe entstehen lässt, die irgendwann vom Kinn auf die Gitarre tropfen.

"There's a silence in the hills / A lonesome road standin' still / Miles and miles between us to fill / Crossin' my heart to the homeland…" In den alten Song "Homeland" vom Album "A Hundred Lies" aus dem Jahr 1999 nuschelt Holcombe die Wörter "Japan" und "Libya" dazwischen, und es sieht so aus, als würde er weinen dabei. "A Far Cry From Here" und als Zugabe "Who Carried You".

Während die Fans heftig jubeln, legt Holcombe die Gitarre weg, setzt die verfilzte Wollmütze auf und geht aus dem Laden. Vielleicht ist er nur mal eben zum Zigarettenholen. Trotzdem wäre es schön, wenn er bald wiederkäme.

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