Konzertkritik : Ryan Bingham & The Dead Horses im Comet Club

Die schwarze Höhle des kleinen Kreuzberger Comet Clubs ist gesteckt voll, ausverkauft. Um zehn wird das Saallicht aus-, die Anlage aufgedreht: heulender Wolfsblues als Intro vom Band.

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Hinten im Saal kommen die Schatten von ein paar Typen die schmale Treppe runtergestiegen, langsam und verwegen, wie eine Gang von Outlaws. Vorneweg einer mit Lampe zeigt den Weg, mitten durchs Publikum. Dann stehen sie auf der Bühne: Cowboyhemden, Bärte, gezauste Haare, einer hat eine Feder am Hut. Der Anführer der Bande, Ryan Bingham aus Austin, Texas, war mal Rodeoreiter, ist mit dem Pferde- und Bullenzirkus herumgezogen. Jetzt zieht er mit seiner Band herum: Ryan Bingham & The Dead Horses. "Good evening!"

Corby Schaub lässt seine elektrische Gitarre verzerrt jaulen unterm Bottleneck, nimmt sich aber gleich wieder zurück, um Platz zu schaffen für Binghams ruhigen, angekratzten Gesang, während Drummer Matthew Smith dezent Maracas schüttelt, und der Bassist mit der Feder am Hut erstmal abwartet.

Ruhe vor dem Sturm. Doch dann kracht es gewaltig los, die komplette Band, volle Fahrt voraus, zwischen kantigen Riffs und gischtigem Rock 'n' Roll. Bingham tanzt mit seiner weißen Les-Paul-Junior, ein spacker Junge mit schotterig schöner Stimme und einem Song, der an den wunderbaren Ronnie Lane erinnert.

"Day Is Done" heißt der erste Song. Doch der Abend hat gerade erst begonnen. Und entfaltet schnell eine exquisite stilistische Mischung aus Blues, Rock 'n' Roll, Folk, Country. Und in den Texten Fürsprache für die Ärmeren der Gesellschaft, die Zukurzgekommenen und Entgleisten. Und wie das so ist, wenn man schuften muss für "A Dollar A Day". Und überhaupt: die "Hard Times".

Immer wieder singt Bingham von harten Zeiten, schlechten Löhnen, Depression, Unbehaustheit und Herumgetriebensein. Und haut das alles weg mit diesem schönen schmutzigen Sound, knalligem Rhythmus, elektrischen und akustischen Gitarren und seiner eindringlich krächzenden, heiseren Stimme.

Alle Spieler in der Band haben einen feinen Sinn für Dynamik, perfektes Timing, Aufbau und Dramaturgie eines Songs und eines kompletten Konzertes. Alles stimmt, alles passt zusammen, sie sind eine verschworene Gemeinschaft. Wo sich jeder blind auf jeden verlassen kann. Wenn ein Song aufhört und nach langer Coda die verzückten Fans schon enthusiastisch applaudieren, zählt Binghamam noch einmal ein: "One, two three, four", und es geht nochmal los.

Bingham und seine Band rocken und rollen mit Kraft und Energie, dass es eine Freude ist zuzuhören und zuzuschauen. Wie sie schaukeln und wippen, wie der Sänger jede Taktbetonung mit dem Körper mitmacht. Wie er dramaturgisch geschickt zwischen all die Mittel- und Schnelltempo-Kracher immer wieder ruhige Countryballaden einflicht, zu denen er sich alleine mit der Gibson-Akustikgitarre begleitet und in die Mundharmonika tutet. Bevor der Rest der Gang wieder über den Song herfällt, Corby Schaub halsbrecherische Mandolinenmelodien runterrattert oder gleich darauf in der kratzigen Ballade "Hallelujah" ausgedehnte Gitarrensoli improvisiert, die ein wenig an die guten alten Grateful Dead erinnern. Ein Vergnügen, wenn zwei Slide-Gitarren umeinanderkreischen, sich ineinander verschlingen, Fragen stellen, Antworten geben.

Nach 70 brillanten Minuten singt Ryan Bingham ganz allein mit Akustikgitarre "The Weary Kind", den anrührenden Song, den er für den Film "Crazy Heart" und dessen Hauptdarsteller Jeff Bridges geschrieben hat, und der ihm als "bester Filmsong" einen Oscar einbrachte. Was dem talentierten 29-Jährigen endlich zu größerer Bekanntheit verhalf, die er wirklich verdient. Wenn man auch insgeheim hofft, diese Art von bodenständigem Rock 'n' Roll weiterhin in solchen kleinen schwarzen Höhlen hören zu können, statt in riesigen Arenen oder Stadien, wo die Musik ihre Seele verkauft.

Ryan Bingham & The Dead Horses haben eine Menge Herz und eine große Seele.

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