Konzertkritik : The Unthanks im Postbahnhof

Berauschender Folk: Bei The Unthanks geht es mehr um den Ausdruck ihrer Kunst als ums ehrgeizige Streben nach massenkompatiblen Erfolg.

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Der Postbahnhof ist umgewandelt vom drängeligen Rockschuppen zum intimen Folk-Club: verkleinert, bestuhlt. Und so ruhig, dass fast niemand bemerkt hätte, dass der Gitarrist des charmanten Duos Jonny Kerney & Lucy Farrell vergessen hatte, den Lautstärkeregler seiner Akustikgitarre aufzudrehen. Kichern im Auditorium. Gute Laune und feine Musik: traditionelle Folksongs und Eigenkompositionen. Alles passt trefflich zusammen, auch dieses exquisite Vorprogramm mit der nachfolgenden Hauptattraktion: The Unthanks.

Im Mittelpunkt stehen die beiden Schwestern Rachel und Becky Unthank und ihre zauberhaften Stimmen, die blendend miteinander harmonieren. A cappella singen sie mit entzückendem Geordie-Akzent einen traditionellen Folksong aus ihrer Heimatstadt Newcastle. Die Vorliebe für die traditionelle Folkmusik von Northumberland haben sie schon als Kinder von ihren singenden Eltern übernommen. Das Faible für die dunklen, traurig melancholischen Lieder über das Leben der "einfachen Leute" im Nordosten Englands. Über Bergarbeiter, Seeleute, junge Männer, die in die Armee gezwungen werden, schwierige Liebschaften, Kinderarbeit im vorigen Jahrhundert, uneheliche Schwangerschaften, Selbstmörder, Tragödien, Dramatik des Daseins.

Immer wieder lächeln sich die Schwestern verschmitzt an, und dann auch ihre Band. Man sieht und hört, wie gut sie sich verstehen und welchen Spaß es ihnen bereitet, miteinander Musik zu machen. Dass es ihnen mehr um den Ausdruck ihrer Kunst geht als ums ehrgeizige Streben nach massenkompatiblen Erfolg.

Am Piano sitzt Adrian McNally, Rachels Ehemann, Manager und Arrangeur der Gruppe. Nach dem zweiten Album "The Bairns" sind die Arrangements auf dem neuen "Here's The Tender Coming" unbeschwerter geworden, weniger spröde, musikalisch vielseitiger, mit mehr Abwechslung in der Instrumentierung. Mit dem Namenswechsel von "Rachel Unthank and the Winterset" zu "The Unthanks" hat auch die Besetzung gewechselt und wurde auch für die Bühne um einige Instrumente erweitert, die von den Akteuren munter gewechselt werden. Der Bassist spielt Gitarre, Ukulele, Schlagzeug. Der Drummer Kontrabass und Keyboards. Die Cellistin Akkordeon und ein selbstgezimmertes Xylophon, wenn sie nicht gemeinsam mit der Geigerin die berauschenden Harmonien der Stimmen mit den Streichinstrumenten übernimmt.

Traditionelle Folkelemente vermischen sich mit blauem Jazz. Songs aus alten Zeiten mit denen von Nick Drake und den Beatles, denen gehuldigt wird mit einer umwerfenden Version von "Sexy Sadie" und all ihren feinen melodischen Vertracktheiten. Und immer wieder ergänzen sich die unterschiedlichen Stimmen der Schwestern - die schärfer schneidende von Rachel mit der wärmeren, luftigen von Becky - zu traumhafter Harmonie. Herzerwärmend!

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