Konzertkritik : Tinariwen im Kesselhaus

Tinariwen aus Mali entzücken im Kesselhaus mit ihrem einzigartigen Zusammenspiel von Sprache, Poesie und Volksmusik der Tuareg mit westlichen Blues- und Rockelementen.

H.P. Daniels

Berlin"Bonsoir! Ca Va? Guten Abend!" sagt der Mann im weißen Turban mit verschleiertem Gesicht und langem, zartblauen Kaftan. Er zupft eine repetitive elektrische Blues-Figur aus einer akustischen Gitarre. Seine ähnlich gekleideten Stammesgenossen nehmen das rhythmische und melodische Muster auf, weben zwei weitere Gitarren, Bass und Percussions ein, knüpfen einen robusten, dichten Soundteppich. Abdallah Ag Alhousseyni singt "Tenhert", ein rasant gerapptes Gedicht vom neuen Album der Sahara-Rocker Tinariwen aus Mali.

"Imidiwan" heißt ihre vierte Platte, was so viel bedeutet wie "Weggefährten", "Leidensgenossen". Weggefährten waren die Gründungsmitglieder von Tinariwen schon vor dreißig Jahren, als sich die Musiker vom Nomadenstamm der Tuareg zur Band zusammenfanden und sich schließlich der Propaganda Gaddafis folgend in Libyen zu Freiheitskämpfern ausbilden ließen. Irgendwann war ihnen die Musik dann doch wichtiger als der bewaffnete Kampf. Sie zogen elektrische Gitarren den Knarren vor, nahmen Platten auf, gaben unzählige Konzerte, wurden Stars.

Jetzt stehen sie auf der Bühne des Kesselhauses und entzücken ein weißes Großstadtpublikum mit ihrem einzigartigen Zusammenspiel von Sprache, Poesie und Volksmusik der Tuareg mit westlichen Blues- und Rockelementen. Auf einen rhythmischen Grundakkord schichten sie grobe Gitarrenriffs mit jeder Menge "Hammer-Ons" und "Pull-Offs" und legen darüber ihre elegischen, von arabischer Melodik getragenen Chorgesänge. Erstaunlich, welchen abwechslungsreichen Ausdruck und welch hypnotische Kraft Songs mit nur einem einzigen Akkord entfalten können. Ibrahim Ag Alhabib stößt zur Truppe, übernimmt den Hauptgesang.

Immer wieder werden Gitarren getauscht und die Positionen am Mikrofon. In exotisch verdrehte Afro-Rhythmen und orientalische Melodik fügen sich John-Lee-Hooker-Blues und hypnotisch schwirrende Skalen, die an Robbie Kriegers Gitarre bei den Doors erinnern. Die körperliche Ausstrahlung dieser exotisch schönen Musik verführt in rauschhafte Trance, animiert zu entrücktem Tanz. Vielleicht wäre die Welt wirklich ein bisschen besser, könnte man allen Kämpfern elektrische Gitarren geben.

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