Melt!-Festival : Die Welt ist dicht genug

Auf dem Melt!-Festival bei Dessau schmelzen die Grenzen zwischen Elektronik und Rock.

Kolja Reichert
Glass
Elektrisch: Alice Glass von Crystle Castles -Foto: promo

Sonntagmorgen, als sich nach einer Nacht im Überdruck schwerer Elektrobeats das erste Licht des Tages in den Wellen des Gremminer Sees bricht, tanzt am Strand über der Menge ein Gesteck aus Zweigen und Bändern im House-Takt von Jesse Rose. Wie schön! Ein Osterkreuz! Andere haben Gummischweinchen aufgespießt. Reliquien an Zeltstangen sind das Gimmick des Melt!-Festivals in der Baggerstadt Ferropolis bei Dessau. Und kein Moses in Sicht, der den Tanz ums Goldene Kalb stoppen könnte.

Nicht nur die Grenzen der Nacht und der körperlichen Ausdauer werden hier weitergetrieben, sondern auch die des eigenen Ich. Die Künstler, heißen sie nun Bloc Party oder Aphex Twin, sind auf einem Popfestival nur Mitspieler in einem Bühnengeschehen, das alle einschließt. Nirgends sonst verbinden sich Mode, Musik und Körperbilder zu einer solchen Vielfalt zu deutender Zeichen. Und das Melt!, das im zwölften Jahr die Grenze von Rock und elektronischer Musik überspielt, steht auf der Seite der Zukunft. Ein Lifestyle-Laboratorium, umgeben von den Industriefossilien des Braunkohlebergwerks Golpa Nord in Sachsen-Anhalt. Laserstrahlen wandern durch den Himmel, während von 20 000 Besuchern ausgehandelt wird, was geht und was nicht, ganz ohne Worte.

Eine Geschmacksgemeinschaft bildet sich aus. Die letzten Jahre war neben Indierock-Stars und der Elektronik-Avantgarde immer ein Trash-Act mit Ironiefaktor eingeplant. Letztes Jahr traf es Eurodisco-Altschrott Technotronic. Wer nimmt dieses Jahr den Platz ein? Vielleicht Travis? Die braven Britpopper, eigentlich doch Headliner, fremdeln auf einer kaum besuchten Hauptbühne, während nebenan beim Computerpunk des kanadischen Duos Crystal Castles die Hütte brennt. Vier Männer mit Gitarren kommen nicht an gegen die Effizienz elektronischer Instrumente: Das ist eine der Lehren dieses Festivals, auf dem die gewohnte Hierarchie zwischen großen und kleinen Bühnen aufgelöst ist, ebenso wie die Grenzen der Genres.

Schuld ist das Internet und die Verfügbarkeit allen musikalischen Materials. Wer noch an festen Formen haftet, bleibt zurück. Ein Künstler wie Diplo funktioniert wie ein globaler Radioempfänger, der in fünf Minuten vom brasilianischen Baile Funk über mitteleuropäischen Billig-Rave zu südafrikanischem Kwaito rast – und wieder zurück. Das reißt an allen Gliedmaßen zugleich. Man möchte sich vor Glück im Sand wälzen. Einen Abend später verschweißt der junge Franzose Yuksek Doom French-Pop und Elektro-Funk zu einer dunklen Messe mit Totalwirkung. Wenn Madonnas Avantgarde-Sonar noch auf Empfang steht, wird sie sich diesen Mann für ihr nächstes Album krallen.

Das Kriterium für gelungenen Pop 2009 ist die Durchlässigkeit: Elektroraver wie Digitalism setzen auf die physische Gewalt eines Schlagzeugers, während Bands wie The Whitest Boy Alive elektronische Strukturen mit echten Instrumenten nachspielen. Die globale Grammatik des Techno ist überall der Bezugspunkt. Auch für Animal Collective, die das Hungern auf den simplen Abgehteil schüren, um die Erfüllung zu verweigern. Wie der dumpfe Widerhall fremder Priestergesänge. Das Melt!-Festival ist ein Echoraum. Fortwährend spiegeln sich wechselseitig die Muster wieder. Man ist an diesem Wochenende mit allen Tanzflächen der Welt vereint. Anything goes – nur die alten authentischen Jungs mit Gitarren, die gehen nicht mehr.

So spielen Oasis, geplanter Höhepunkt am letzten Abend, eine lieblose Show für einige tausend Tageskartenbesitzer, während die anderen hinten skeptisch auf den Treppen hocken. „Poser“, ruft einer. Der Opener „Rock’n Roll Star“ macht das Problem klar: Diese Musik ist so verdammt 1994. Um Rock’n Roll geht es hier nämlich schon lange nicht mehr, nicht um Seele, nicht um Selbstausdruck, sondern um Verwandlung, um die Auflösung in der sozialen Skulptur der Tanzfläche.

Während auf Festivals durch Band-

T-Shirts die Stammeszugehörigkeit zum Ausdruck gebracht wird, tauchen beim Melt! Masken auf und Tierkostüme. Als Hohepriesterin dieser Entwicklung empfiehlt sich Karin Dreijer vom schwedischen Elektroduo The Knife, die mit ihrem Dark-Wave-Projekt Fever Ray ein technoides Stammesritual zelebriert, mit Lasershow, Fellkostüm und Gruselpersonal. Die derzeit cleverste verfügbare Reflexion über das Kultische im Pop.

In der Vielfältigkeit der Pop-Avantgarde füllt sich der Begriff Weltmusik endlich mit Sinn – und löst sich zugleich auf. Es gibt den Abstand nicht mehr, von dem aus sich Exotik konstruieren ließe. Doch wer noch fürchtet, die Welt würde durch Globalisierung und Internet langweilig werden, kann sich von den Verwandlungsspielen der PopAvantgarde beruhigen lassen: Das Fremde liegt so nah.

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