Musikfilm : Dorfpunks: Dagegen dabei

Eine Jugend in der Provinz wird besichtigt: Der Film „Dorfpunks“ nach der Romanvorlage von Rocko Schamoni.

Christian Schröder
Kinostarts - "Dorfpunks"
Zu viel frische Luft. Dorfpunks.Foto: dpa

Das Erwachsenwerden ist schon schlimm genug. Umso bitterer, wenn man es in der Provinz erleiden muss. Lars Jessens Film „Dorfpunks“ spielt im fiktiven Ostseekaff Schmalenstedt, mit dem der Luftkurort Lütjenburg bei Kiel gemeint ist, wo Rocko Schamoni, der Autor der gleichnamigen Romanvorlage, aufwuchs. Hier gibt es mehr Kühe als Menschen, und jugendlicher Erlebnishunger lässt sich nur durch Dosenbiertrinken im Waldversteck, Pogotanzen in der einzigen Dorfdisco oder das nächtliche Abfackeln von Strandkörben stillen. Irgendwo weit draußen muss das Leben wilder und gefährlicher sein, davon künden die Punk-Songs von den Buzzcocks, Slime und The Clash, die mit einiger Verspätung – der Film spielt 1984 – den nördlichen Zipfel der alten Bundesrepublik erreicht haben.

„Mensch Jungs, gerade waren wir noch scheiße, jetzt sind wir eine Band“, jubelt Malte (Cecil von Renner), nachdem er mit seinen Kumpels Fliegevogel, Flo, Sid, Piekmeier und Günni beschlossen hat, schnellstmöglich reich und berühmt zu werden. Ein Instrument spielen kann keiner, Günni (Samuel Auer), der ansonsten auf dem Traktor des väterlichen Bauernhofes hockt, gelingt es nicht einmal, am Schlagzeug den Takt zu halten. Aber auf Virtuosität kommt es nicht an, wichtiger ist die Haltung. Malte, ein spilleriger Töpferlehrling, nennt sich nun martialisch Roddy Dangerblood, mit seiner Band Warhead erklärt er allem und allen den Krieg: den verspießerten Alt-68er-Eltern, den Poppern mit ihren Fönfrisuren und den Bundeswehrsoldaten, mit denen sie sich auf Kneipenparkplätzen prügeln, sowieso. Beim ersten Auftritt agitiert Sänger Sid (Pit Bukowski) noch gegen „die Musikindustrie“, die ihn zum „Sklaven“ machen wolle, beim zweiten Konzert in der Schulaula ist er vor lauter Verweigerung bereits so verstockt, dass er keinen Ton mehr herausbekommt.

Jessen, der schon mit „Am Tag, als Bobby Ewing starb“ sein Talent für Heimatfilme der anderen Art bewies, erzählt in seiner Coming-of-Age-Komödie vom Enthusiasmus einer Jugend, deren Träume nicht groß genug sein können. Die Komik ist mitunter derb und grotesk, etwa bei einer mit zertrümmerten Möbeln und einer Urinlache im elterlichen Bett endenden Party im Haus einer Freundin. Aber das Komische ist bereits von der Melancholie des Abschieds durchweht, denn am Ende dieses Sommers steht für die Freunde eine Entscheidung: Bleiben oder gehen? Jessen hat seinen Film mit Newcomern inszeniert. Daneben ist Axel Prahl als versoffener Kneipier zu sehen, der – ein hinreißender Auftritt – Roddy die Platten von Captain Beefheart und The Pop Group vorspielt. Das Feuer, das bei dem Jungen noch lodert, ist bei ihm längst erloschen. Christian Schröder

„Dorfpunks“ startet am Donnerstag.

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