Musiktheater : Nummer Sicher

Apropos Gounods "Faust“ in Bonn: Während oben auf der Bühne brav ein gegenwärtiges Abziehbildchen neben das andere geklebt wird, dröhnt unten aus dem Graben ungezügelt Romantisches.

Christine Lemke-Matwey

Am Anfang war – die Angst vor dem Begriff. Denn wovon reden wir, wenn Faust in Charles Gounods gleichnamiger Oper von 1859 Margarethes Antlitz auf einem Laptop erblickt und zum Soldatenchor des dritten Aktes die halbe Bundeswehr einmarschiert? Wenn Mephisto zum schwarzen Macho-Outfit, huhu, eine teufelsrote Krawatte trägt und Margarethe – als soziales Seelchen in einer Art Altersheim mit Pflegestufe 3 betraut – in der Juwelenarie über ein paar billige Klunker in Verzückung gerät? Vom „Regietheater in der Oper“? Klingt nach Opa, nach Mottenkiste und langbärtigen szenischen Entlüftungsmaßnahmen. Vom „Regietheater im Musiktheater“, von „Musiktheaterregietheater“? Absurd. Am besten wohl noch von Musiktheaterregie oder, um ein aktuelles Schlagwort aus dem Bereich der Darstellenden Künste an unseren Hochschulen zu gebrauchen, von der so genannten Autorenregie.

Nie gehört? Das wird sich ändern.

Bislang und seit den Siebzigern war es ja so: Um sich zum jeweiligen (toten) Komponisten ins Verhältnis setzen zu können, entkleidet der Regisseur diesen aller bildungsbürgerlich-rezeptionsästhetischen Weihe. Weg mit dem alten Bärenfell und, husch, husch, die Rampe geräumt! Das konnte ebenso kathartisch wie herzergreifend sein, geschah mal klüger, mal musikalischer, mal aber auch bloß blöd-blindwütig und spektakulös. Das Ende dieser Fahnenstange ist derzeit in Inszenierungen von Sebastian Baumgarten, Stefan Herheim und anderen zu besichtigen: ein bisschen Volksbühnenwurstigkeit gehört zwischen Bonn und Berlin, Freiburg und Kiel längst zum guten Ton – und erzählt selten Substanzielleres als eben dieses.

Dirigenten übrigens haben sich für jene um Bedeutung ringenden Fantasien nur in Ausnahmefällen interessiert. Sie sind – praktisch gesprochen – meist gar nicht vorhanden, wenn es bei den szenischen Proben ans Eingemachte geht, und am Pult tun sie ohnehin, was sie meinen, nicht lassen zu können oder zu dürfen.

Wolfgang Lischke und das Bonner Beethoven Orchester liefern dafür das Exempel: Während oben auf der Bühne brav ein gegenwärtiges Abziehbildchen neben das andere geklebt wird (und wenigstens die Kleberänder doch aufschlussreich wären!), dröhnt unten aus dem Graben ungezügelt Romantisches. Wo Gounods Partitur verspielt zwischen Comique, Lyrique und Grand Opéra mäandert, da behauptet Lischke – leider ohne Suggestivitäten, ohne Schmelz, das Französische an sich – die große, auf einen regelrecht Wagnerschen Bogen gespannte Liebeshandlung.

Mit Goethe hat das nicht viel zu tun. Mit Stück und Aufführung in diesem Fall auch nicht. Und dass die Sänger sehr respektabel agieren (Julia Kamenik als Margarethe, Arturo Martin mit federleichten Höhen als kurzfristig eingesprungener Faust, Martin Tzonev als Mephisto, Susanne Blattert als anrührend bekümmerter Siebel), macht die Sache fast noch ärger. Hier die ach so schöne, missverstandene Musik, da die böse, respektlose Regie: Mit dieser Zange kappt man jeden musiktheatralischen Lebensnerv.

Also noch einmal zurück zur Fahnenstange. An deren Anfang nämlich – um im Bild zu bleiben – regt sich etwas. Hatten sich die Titanen des musikalischen Regietheaters vom Schlage eines Patrice Chéreau, Hans Neuenfels oder Peter Konwitschny in ihren Lesarten und Interpretationen an gesellschaftlichen Widerständen abgearbeitet und Bilderstürme entfacht, so sorgen sich ihre Enkel vornehmlich ums subjektive Weltgefühl. Die Alten haben Verdi, Wagner & Co. vom Sockel gestoßen, die ganz Jungen der Generation 20 plus stellen sich lieber selbst mit drauf. Meine Befindlichkeit, meine Lektüre, meine Kunst. Wagner baut im „Ring“ ein schauriges Ganzes? Ich setze meines dagegen, das keines mehr ist! Mozarts „Zauberflöte“ als Salzburger Puppenkiste? Streichen wir die Figuren und Arien, die uns nichts sagen, radikal!

So oder so ähnlich wird man sich den Autorregisseur in Zukunft vorzustellen haben. Man mag dieses Profil hybrid finden, ketzerisch oder größenwahnsinnig – unehrlich ist es nicht. Denn wie überhaupt noch zu den letzten, ewigen Dingen auf der Bühne vordringen, wenn man selber darin nicht mehr vorkommt? Wenn immer nur der Text, das tote Material, die ausgetretene Gattung leuchten – und nie die Gesetze des Jetzt und des Ich? Christoph Schlingensief und seine lustvoll sich aufplusternden Welttheatereien erfüllen hier eine existenzielle Gelenkfunktion (vom Bayreuther „Parsifal“ bis hin zur unlängst ebenfalls in Bonn gescheiterten szenischen Uraufführung eines Stückes von Moritz Eggert). Er markiert die offene Mitte zwischen den kritische Exegese treibenden Großvätern und den in Autorenarbeit versunkenen Enkelkindern, er ist Vater und Sohn, Guru, Zauberer, lustigster Priester.

Vera Nemirova indes, die Regisseurin des Bonner „Faust“, bewegt sich seltsam anachronistisch zwischen diesen Zeitgeistfronten. Als Konwitschny-Schülerin beherrscht sie ihr Handwerk, sie kann mit dem Chor umgehen und Mut und Gespür für theatralische Effekte besitzt sie auch. Nur was sie eigentlich will, das weiß sie nicht. Als ginge es ihr nicht ums Leben, sondern um die wasserdichte Erfüllung einer Kunstform. Als habe sie über allem pflichtschuldigen Aktualisieren ganz vergessen, dass sie selbst es ist, die hier und heute die Partitur in der Hand hält. Deshalb bleibt ihr „Faust“ so kalt. Ab 2010 inszeniert Nemirova in Frankfurt den „Ring“. Man darf gespannt sein, wo ihr Siegfried sich verwundbar zeigt. Christine Lemke-Matwey

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