Neue Electro-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Die Weihnachtsflaute hat ein Ende

Gegen Ende des Jahres herrschte eine extreme Flaute, was schöne elektronische Platten aus Berlin angeht. Aber das hat jetzt ein Ende. Die neusten Tipps von Martin Böttcher lesen Sie hier in seiner Spreelectro-Kolumne.

Martin Böttcher
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

The Jaydes – The Jaydes (Label: Dame-Music)

Die drei größten Lügen des Privatradios? Das Beste a) der 80er, b) der 90er und c) von heute. Ein Witz, na klar, aber einer, der bei den Jaydes eine ganz andere Bedeutung bekommt. Denn die behaupten nicht nur, dass sie das Beste der elektronischen Musik vergangener Jahrzehnte mit aktueller Clubmusik vermischen, nein, sie tun das wirklich! Tolle Tracks, zum Teil mit Gesang, zum Teil als coole Clubstücke angelegt, in denen völlig unvermittelt Rave-Fanfaren losbrechen, um gleich wieder zu verstummen. Und dann noch der Name! The Jaydes, das ruft Erinnerungen an die „The-Bands“ wie The Strokes, The Hives, The Kills etc. hervor. Aber in Sachen Gitarre ist hier gar nichts zu finden: Elektronisch-analog gehen Bloody Mary und Attan zur Sache – zwei Franzosen, die sich erst in Berlin, ihrer Wahlheimat, kennengelernt und hier für ihr gemeinsames Projekt „The Jaydes“ ihren Musikmaschinenpark zusammengeworfen haben. 

Unmap – Pressures (Label: Sinnbus)

Ich habe vor Jahren einmal in einem kleinen Plattenladen in Berlin-Mitte gearbeitet. Einer meiner Kollegen war Alex Stolze (alias Alex Amoon), der damals gerade ziemlich konzentriert an seiner ersten Band feilte – Bodi Bill! Bodi Bill entwickelte sich schnell zu einem bald schon gar nicht mehr so geheimen Geheimtipp, Indiepop plus Electronica plus Kammermusik machten es möglich. Im Augenblick liegt Bodi Bill als Band auf Eis, man hatte Angst, immer im gleichen Stil vor sich hinzuspielen. Gut so, denn die neue Band Unmap, die Alex Stolze mit der Allroundkünstlerin Mariechen Danz und anderen Mitstreitern auf die Beine gestellt hat, ist super: mysteriöse Songs, die sich Zeit nehmen und in alle Richtungen forschen, dazu die kehlige Stimme vom Fräulein Danz und die hintergründige Produktion von Marco Haas alias T.Raumschmiere, der auf „Pressures“ die Tanzfläche als Echo eingefangen hat.

V.A. – WILDE Liebe (Label: WILDE)

Man vergisst das gerne, weil es nicht so richtig mit der ausgelassenen Feierstimmung zusammenpasst, die im Club herrschen soll. Aber Clubkultur, das ist natürlich auch ein großes Business, bei dem viele Menschen im Hintergrund werkeln und ihr Geld verdienen. Eine von ihnen ist Patricia Weil (Spitzname: Patci Wilde), die seit über zehn Jahren von Berlin aus mit ihrer Booking-Agentur DJs in Clubs vermittelt. Das scheint ihr nicht mehr zu reichen, denn jetzt gibt es auch noch ein angeschlossenes Plattenlabel, vermutlich als Visitenkarte und Promotion-Instrument für die Agentur und die vertretenen Musiker gedacht. Die erste (rein digitale) Veröffentlichung ist eine ziemlich gute Compilation, auf der neben gestandenen Tanzflur-Helden wie Tiefschwarz oder Ian Pooley auch die lustige Pilocka Krach, die schon oben erwähnten Jaydes oder der chillige Washed Out zu finden sind. Mein Lieblingstrack stammt von Daniel Dexter, er heißt „Eclipse“ und versüßt mir mit seinem warmen Grundton und seinem hypnotischen Groove die kalten Abende.

 

 

 

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