Neue Pop-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Neue Pop-Tipps aus Berlin

Der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher gibt auf Tagesspiegel.de schon länger Pop-Tipps. Für unsere Serie "Spreelectro" hat er sich inzwischen auf Berlin spezialisiert und empfiehlt Gutes aus der Hauptstadt.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Dapayk & Padberg – Sweet Nothings (Stil vor Talent)

Wenn Promis singen, dann geht das mindestens ebenso oft schief wie gut. Mr. Spock und Captain Kirk, Scarlett Johansson, die Fußball-Nationalmannschaft – sie alle haben es probiert und sind dabei ziemlich unterhaltsam gescheitert. Dem Model Eva Padberg, das sich gerade als Heidi-Klum-Ersatz im Fernsehen versucht, hätte mit seiner nicht sehr kräftigen Stimme ähnliches passieren können. Doch das verhinderte Eva Padbergs Mann, der in Berlin lebende Techno-Produzent Niklas Worgt. Er nämlich baute ihren Gesang sehr passend in seine eher minimalistischen Tracks ein. Dapayk & Padberg nannten die beiden ihr gemeinsames Projekt, als sie vor sieben Jahren die erste Platte veröffentlichten. Jetzt ist man bei Album Nummer 3, es geht ein wenig poppig-housiger zu als am Anfang, aber nach wie vor sehr stilsicher. Schnell ist angesichts der Tracks vergessen, dass hier ein singendes Model am Werk ist. Gut möglich, dass sich Eva Padberg, wie im Interview behauptet, stärker eingemischt hat, sie soll inzwischen die Grundstimmung der Songs bestimmen. Hoffentlich aber kommt sie jetzt nicht auf die Idee, ein „richtiges“ Popalbum aufzunehmen. Das kann eigentlich nur schiefgehen.

 

Fritz Kalkbrenner – Suol Mates (Suol)

Es ist offensichtlich, dass manche Leute „ihren“ Club als ihr Wohn-, an besonders heftigen Wochenenden sogar als ihr Schlafzimmer begreifen. Aber eigentlich sind Club und Zuhause natürlich zwei völlig verschiedene Sachen. Musik, die am einen Ort funktioniert, passt so gar nicht zum anderen. So viel theoretische Vorbetrachtung ist nötig, will man sich der Mix-CD von Fritz Kalkbrenner, dem kleinen Bruder vom Star-Produzenten Paul Kalkbrenner richtig nähern. Denn so gerne es Fritz vielleicht hätte: Im Club dürfte seine „Suol Mates“ nicht richtig durchstarten – dazu ist sie nämlich viel zu durchdacht und wechselhaft, nicht „gerade“ genug. Abseits der Tanzfläche aber sieht das ganz anders aus: Fritz Kalkbrenner offenbart seine beiden großen Leidenschaften, den Soul und den warmen TechnoHouse und führt sie auf ziemlich einzigartige Weise zusammen. Eine Reise von Detroit nach Berlin, bei der man nicht nur tausende Kilometer überbrückt, sondern auch einige Jahrzehnte.

 

Terranova – Hotel Amour (Kompakt)

 Soulig-gefühlvoll und gleichzeitig elektronisch geht es auch auf dem neuen Album von Terranova zu. Die Älteren werden sich erinnern: Das Berliner Projekt Terranova tanzte in den 90ern mit trip-hoppigen Sound in der ersten Reihe mit und tauchte danach regelmäßig mit immer wieder veränderten Klängen auf. Die letzten Jahre aber blieb es ruhig, Terranova schien auf dem Friedhof der elektronischen Musik seine Gruft bezogen zu haben. Jetzt aber hat Fetisch, verbliebenes Terranova-Urgestein, noch einmal zugeschlagen, alte Weggefährten reaktiviert und gemeinsam mit dem Produzenten &Me ein neues Album fabriziert. Keine Zombie-Veranstaltung, wie man vielleicht denken könnte, auch kein Alterswerk, sondern eine mal fluffig-locker, mal düster-dichte, coole Platte – für mich die beste seit dem Debüt „Close The Door“. 

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