Neue Pop-Tipps aus Berlin : Spreelectro: Perfekte Albumnamen, poppiger Techno und einfache Worte

In unserer Serie "Spreelectro" stellt der DJ und Musikjournalist Martin Böttcher Gutes aus der Hauptstadt vor. In dieser Folge erklärt er, warum es so schwer ist, den perfekten Albumnamen zu finden, warum poppiger Techno auch nicht zu verachten ist und warum simple Melodien und einfache Worte so entspannend sein können.

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Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.
Martin Böttcher, Berliner DJ und Musikjournalist.Foto: Frauke Fischer

Oliver Deutschmann – Out of the Dark (VIDAB)

Mit Albumnamen ist das ja immer so eine Sache, vor allem bei Debütalben: Peinlich darf’s nicht klingen, mit einem selbst soll es was zu tun haben, vielleicht sogar noch eine Botschaft verkünden – frei nach dem Udo-Lindenberg-Motto „Ich mach mein Ding“. Aber „Ich mach mein Ding“ geht ja nicht: Ist erstens schon vergeben und zweitens innerhalb der Clubkultur alles andere als cool. Auch wenn es natürlich genau darum geht. Oliver Deutschmanns Ding ist Techno. Zeitloser Techno, der, wenn da nicht die glasklare Produktion wäre, auch schon vor ein oder zwei Jahrzehnten entstanden sein könnte, der aber vermutlich auch dann noch in Clubs laufen wird, wenn die CDU/CSU bereit für die Frauenquote ist. Deutschmann, der seit Jahren in Berlin lebt, als DJ und Produzent unterwegs ist und mehrere Plattenlabel betreibt, hat auf seinem Debüt noch etwas sehr schön hinbekommen: Er verzichtet auf das, was andere aus der elektronischen Musik mittlerweile für ihre Pflicht halten: Auf Tempowechsel und auf chilliges Füllmaterial, auf Intro und Outro. Hier geht’s, so wie man es auch von seinen DJ-Sets in der Panorama Bar im Berghain kennt, konzentriert und mit Konzept zur Sache.

Lexy & K-Paul – Attacke (MusicIsMusic)

Ein halbes Raverleben gibt es dieses Berliner Duo schon. Und man muss wohl sagen: Seit dem Debütalbum vor fast 13 Jahren hat sich im Sound von Alexander Gerlach (Lexy) und Kai Paul (K-Paul) nicht viel geändert: Ist halt irgendwie so Technoelectro, wie ihn Westbam einst groß machte – und bei Westbams Label „Low Spirit“ sind auch die beiden groß geworden.

Worin genau die im Titel ihres neuen Albums beschworene „Attacke“ bestehen soll, wird allerdings ein ewiges Rätsel bleiben: Es geht weder besonders hart noch besonders schnell noch besonders aggressiv zu. Warum einen das trotzdem interessieren könnte? Lexy und K-Paul haben ein Händchen für Atmosphäre und lassen ihre Tracks ganz gut schwingen. Und für ihre poppige Seite muss man sie ja auch nicht gleich ins Gefängnis stecken.

Jeans Team – Das ist Alkomerz (Staatsakt)

Noch ein Albumtitel, der aufhorchen lässt, und noch ein Duo aus Berlin, das ungefähr zur gleichen Zeit wie Lexy & K-Paul auf der Bildfläche erschien, aber eine ganz andere Entwicklung durchgemacht hat: Erst kam der Electropop-Hit („Keine Melodien“), dann wurde mal in Richtung Indie-Pop geschaut, jetzt ist man da, wo sich die Geister scheiden: Denn natürlich kann man das infantil-doof oder genial-verspielt oder irgendwas dazwischen finden, wenn das Jeans Team auf der Melodie von „Eviva Espana“ über die Weddinger Shopping-Bude „Gesundbrunnencenter“ singt. Außerdem lernt man auf „Das ist Alkomerz“, dass Bomberjäckchen gut aussehen können, dass Menschen zum Träumen da sind und dass Erotik in alphabetischer Reihenfolge genau das Gegenteil von Erotik ist. Es ist ziemlich entspannend, diesen simplen Melodien und einfachen Worten zuzuhören und das Gefühl zu haben: Das Jeans Team hat Spaß, ich hab Spaß, was soll daran falsch sein? Und nur, weil etwas simpel klingt, muss es noch lange nicht simpel sein und auch nicht nur von Simpeln verstanden werden.

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