Neues Album : Asteroid Galaxy Tour: Aus der Tiefe des Traums

Individualist ist ja sowieso jeder. Aber die einen können nicht anders, und die anderen wollen es so. Zur zweiten Kategorie zählt eine junge dänische Band mit dem Namen The Asteroid Galaxy Tour - die Entdeckung des Frühjahrs.

Kai Müller

Als die fünf Männer und ihre alles überstrahlende Frontfrau die Bühne des Kreuzberger Lido betreten und den ersten von knapp einem Dutzend schwer-federnder Midtempo-Knaller anstimmen, drängt sich einem jedenfalls der Gedanke auf, dass sie alles spielen könnten, wenn sie wollten. Festgelegt sind sie eigentlich auf nichts. Obwohl ihre heiser röchelnden Songs sich stark auf das Soul-Revival beziehen, fließt hier so vieles, was die letzten vierzig Jahre erfolgreich war, zusammen, dass es nach skandinavischem Schwindel schmeckt: ein den Mainstream erobernder Pop-Entwurf wird mit der Macht begeisterten Epigonentums ins Extrem getrieben.

The Asteroid Galaxy Tour bestehen noch nicht einmal ein Jahr. Aber das merkt man der Formation mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und einem Bläsersatz nicht an. Routiniert steuert sie durch erdige, verschlammte Beatbrocken, die sich mit eingängigen Melodien verklumpen und überdurchschnittlich oft von Sex erzählen („What a ride/ Hot love on a platter“). Echthaarblondie Mette Lindberg gibt die Bonbon-Version einer Soul- Röhre. Ihre Stimme klingt, als hätte sie Helium inhaliert, auch ihre Haare, die ihr zartes Gesicht wie ein Portal umrahmen und zur Bühne versierten Desinteresses machen, sind gekonnt zerrupft. Von ihr geht die kratzbürstige Präsenz einer Sängerin aus, die viel zu abgeklärt für ihren Job ist, etwas anderes zu tun aber langweilig fände. Und es sind ja auch wirklich tolle Nummern, die sie da vorträgt – das als Sixties-Soul-Klassiker mit Wucht über die Rampe geschobene „The Sun Ain’t Shining No More“, das zäh-bratzende „Push The Envelope“ oder das hymnisch-kreiselnde „Bad Fever“.

Wenn der Bass ein wenig zu dominant klingt und einem die Eingeweide umrührt, dann liegt das daran, dass Lars Iversen wichtiger ist, als Bassisten es für gewöhnlich sind und das auch jedem zeigen will. Er schreibt nämlich alle Stücke. Er war es auch, der um sich und Mette Lindberg die Kapelle formierte, die jetzt als schräg-schönes Popfiguren-Kabinett umzusetzen versucht, was er sich in seinem Ein-Zimmer-Wohnstudio ausgedacht hat. Als stoischer Sonnenbrillenträger mit Kopftuch und Dickens-Hut setzt Iversen aus dem Hintergrund dröhnende Kontrapunkte. Davor schlumigelt ein rehäugiger Hippie in Unterhemd über die Bühne und bearbeitet seine Gitarre wie ein Waschbrett.

Das passt so wenig zusammen, dass es grandios ist. Jahrelang will Iversen im Stillen an dem Konzept für The Asteroid Galaxy Tour gebastelt haben, bevor er es in Form einiger Demo- Aufnahmen seiner Wunschkandidatin Lindberg vorstellte. Die war zuvor in der BBC-Show „Never Mind the Buzzcocks“ in Erscheinung getreten.

Mit der Iversen vorschwebenden Adaption von Souleinflüssen allein hätte Lindberg wohl wenig anfangen können. Sie trug das Punkige in die Musik und erlöste sie gewissermaßen von dem Gewicht empfundener Gefühle. So wurde das exzentrische Duo die kreative Keimzelle des Projekts, das diesen Namen auch deshalb verdient, weil mit den ehemaligen Managern von T. Rex und Roxy Music ausgebuffte Popstrategen für Linie sorgen. Wie anders hätte eine Band, die noch nie zuvor öffentlich aufgetreten war, als erstes gleich im Vorprogramm von Amy Winehouse spielen können?

Allerdings reicht das Repertoire auch jetzt nur für weniger als eine Stunde. Die Dänen hätten natürlich für ihre erste kleine Tournee ein paar Lieder dazulernen können, aber eben – die Zeit. Außerdem passt Spontanität nicht zu der ausgeklügelten Kopfgeburt, der diese Band ihr Bestehen verdankt.

Dass die Asteroids im Geiste dem konstruktiven Indiepop näherstehen als dem New Soul der Winehouse-Schule, lässt sich am ehesten an den steifen Beats des Schlagzeugers erkennen. Statt den Song mal von der Leine zu lassen, knüppelt er sich diszipliniert und ziemlich ungroovy durch das Programm und folgt damit der Rezeptur des heute erscheinenden, fantastischen Debütalbums „Fruit“. Darin hallen Disco-Elemente und House-Reminiszenzen nach, beatmet von psychedelischem Klanggas. Vor allem aber blitzt die Idee einer Freiheit auf, die alles kann.

„Fruits“ von The Asteroids Galaxy Tour erscheint bei Small Giant Records

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