Neues Album : Kasabian: Verrückt bleiben bitte

Böllerbeats und Zaubergeigen: Das neue Album der Britrock-Band Kasabian ist nach einer Heilanstalt für Mittellose benannt.

Holger Günther
Kasabian
Kasabian.Foto: Columbia/Sony

Was ist von Kasabians zweitem Album „Empire“ aus dem Jahr 2006 geblieben? Ein paar gute Singles vielleicht, aber woran erinnert man sich, wenn der Bandname fällt? Vor allem an „Club Foot“ oder „Reason Treason“, Songs vom 2004 erschienenen Debüt, die den Ruhm der Band aus Leicester begründeten: rumpelnde Beats trafen auf treibende Melodien, das war Rock’n’Roll für die Tanzfläche. Die Mischung aus Gitarrengedröhne und Elektronik wirkte euphorisierend und weckte sofort Erinnerungen an Manchesters Rave-Szene der späten achtziger Jahre mit Bands wie den Stone Roses, Inspiral Carpets oder Happy Mondays. „Empire“, das Nachfolgealbum, schoss sofort an die Spitze der britischen Charts. Entsprechend groß waren die Erwartungen, die auf dem Quartett lagen. Etwas bang fragte das Musikmagazin „Mojo“: „Können Kasabian den britischen Rock retten?“

Die Antwort, die das gerade erschienene dritte Album „West Ryder Pauper Lunatic Asylum“ liefert, lautet: Sie versuchen es wenigstens. Es beginnt mit düsterem Scharren, Rumpeln und Brodeln, dann brettern hypnotische Bass- und Schlagzeugrhythmen los. Süß säuseln Backgroundchöre in „Underdog“ und „Where Did All The Love Go?“, kraftvoll rumpeln in „Fast Fuse“ die Gitarren durch Western-Motive und Blues-Schemata, aber immer wenn es zu lieblich zu werden droht, wirft die Band den Fans Knüppel zwischen die Beine. Gitarrist und Texter Sergio Pizzorno will „das System von innen heraus zerstören“. Die Platte soll vor allem eins: verstören.

Benannt ist „West Ryder Pauper Lunatic Asylum“ nach der ersten britischen Nervenheilanstalt für Mittellose, die 1818 in Wakefield gegründet wurde. Sänger Tom Meighan war begeistert, als er nachts im Fernsehen eine Dokumentation über das Sanatorium sah. Der Name klang wie der Titel eines Konzeptalbums aus den sechziger Jahren. Ursprünglich sollte jeder Song einen Insassen porträtieren. Übrig blieb von dem Konzept am Ende nur das Coverfoto, auf dem die Musiker in irren Napoleon- und Priesterkostümen posieren. Musikalisch hat der Wahnsinn aber durchaus Methode: Die psychedelische Ära des britischen Pop lässt grüßen.

So setzt „Take Aim“ mit einem Blasmusik-Intro ein, bevor Meighan zu einer sitarartig zirpenden Gitarre krakeelt: „I’m evil.“ Das erinnert schwer an den verqueren Psychedelik-Folk von Syd Barrett, der Pink Floyd verließ, um in der Psychiatrie zu landen. Immer wieder mischen Kasabian seltsame Sounds in ihre Böllerbeats, bei „Secret Alphabets“ sind es sogar die flirrenden Akkorde des 2002 verstorbenen Berliner Zaubergeigers Helmut Zacharias. Die Songs schlagen Haken, wechseln die Richtung, vom Glamrock landen sie im Easy Listening.

„Wir wollten die Essenz der sechziger Jahre einfangen, ohne retro zu klingen. Wir sind eine Band aus dem 21. Jahrhundert und machen Musik, die nach vorne gerichtet ist“, verkündet Meighan. Mitunter, wenn es besonders zackig ballert, wirken Kasabian wie intergalaktische Beastie Boys, vielleicht ein Verdienst vom Gorillaz-Produzenten Dan Nakamura, der das Album in San Francisco veredelte. „I’m on Fire“, nölt Meighan kurz vor Schluss zu stampfendem Boogierock. Die Platte ist ein kleines Meisterwerk, weil Kasabian, wissen, worauf es ankommt: die Begeisterung immer wieder neu zu entfachen.

„West Ryder Pauper Lunatic Asylum“ ist bei Columbia/Sony erschienen

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