Pat Metheny : Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt

Aus dem Leben der Elektromagneten: Pat Metheny und sein Orchestrion in der Philharmonie.

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Mann mit Maschinen. Pat Metheny in Berlin. Foto: Davids/DarmerDAVIDS/Darmer

Der Gitarrist besitzt im Grunde ein unscheinbares Wesen. Nicht nur, dass sein Instrument unverstärkt gegenüber Klavieren und Trommeln den Kürzeren zieht, auch die Möglichkeiten, seine motorischen Fähigkeiten publikumswirksam zu inszenieren, sind eingeschränkt. Was richtet, bei gleicher Virtuosität, die Feinkoordination von Griff- und Zupfhand gegen die Pranke eines Pianisten aus? Wie setzen sich noch so akrobatische Tonfolgen gegen einen Drummer durch, der die Erde mit allen vier Gliedmaßen erzittern lässt? Nicht von ungefähr regiert unter vielen elektrischen Gitarristen die Pose. Was das Spiel selber nicht hergibt, leistet das tiefer gehängte Gerät, über dem die Arme kreisen wie Windmühlenflügel. Doch der Gitarrist kann seinen Klang bis zum puren Lärm verzerren, er kann springen und tanzen, wie es ihm gefällt, es bleibt bei der Geste: Rein musikalisch lebt er nach innen.

Pat Metheny, mit einem natürlichen Bühnencharisma begabt, hat nie posiert. Wahrscheinlich gibt es unter den heutigen Jazzgitarristen wenig reinere Musikanten, die zugleich den ganzen Kosmos gitarristischer Möglichkeiten von der zarten Impression bis zum Synthesizer-Inferno erkundet haben. Er hat, egal ob er den Post-Bebop in sein ureigenes melodiöses Idiom transformierte oder wilde Geräuschexpeditionen wagte, jedenfalls nie vergessen, dass vor allen Grenzüberschreitungen der natürliche Sound der akustischen Gitarre steht. Und so fängt es auch in der ausverkauften Berliner Philharmonie an: mit weit gedehnten Single-Note-Linien auf sechs sanft schwingenden Nylonsaiten. Es ist eine Intimität im größten Maßstab, aber sie funktioniert, gewinnt auf Stahlsaiten an Wucht – und auf Methenys von Linda Manzer gebauter 42-saitiger Pikasso Guitar, die mit ihren zwei Hälsen und drei Stegen eine Mischung aus Laute, Gitarre und japanischer Koto-Zither ist, alsbald ein Zeichen, dass das Ende der Bescheidenheit gekommen ist. Schon im nächsten Stück loopt sich Metheny auf einer Bossa-Nova-Basis selbst – dann ist der Moment gekommen, das Orchestrion anzuwerfen, auf das alle neugierig sind: jenen riesigen Musikautomaten, in dem ein Heer von Elektromagneten possierliche Anstrengungen unternimmt, Methenys gitarristischen Anweisungen zu folgen. Auf Becken, Trommeln, Marimba und Vibrafon hampelt es herum, dass es eine Lust ist, das Ganze anzusehen. Und wer nicht hört, wo die Musik spielt, wird mit blinkenden Lichtern darauf hingewiesen.

Methenys Orchestrion (siehe Tagesspiegel vom 22.1.) liefert mehr als die Begleitautomatik für seine Soli. Es zeigt das nach außen gestülpte Innenleben eines Gitarristen mit einzigartigem Schauwert. Jeder Ton wird in die Sprachen übersetzt, die diese Maschine mit all ihren Originalklängen spricht: das süße Hecheln der beiden Flaschenorgeln, das brummige Glück eines E-Basses oder die zappelnde Seligkeit eines Glockenspiels.

Gegenüber der „Orchestrion“-CD (Nonesuch) wirkt die Welt, die Metheny hier zwischen Pattern-Musik im Stil von Steve Reich und Fusionjazz errichtet hat, deutlich mechanischer. Die minimale Verzögerung zwischen Impuls und Ton macht aber auch den Charme des Imperfekten aus. Und wenn einige Perkussionsgenossen im Gebälk dieser auf Präzision geeichten Maschinerie ziemlich unkontrolliert herumzucken, zeigt sich, wie sehr das Orchestrion bei allem Drive, den es entwickelt, ein zirzensisches Abenteuer ist, das im Übrigen gar nicht leugnet, dass es ganz anders ausgehen würde, wenn ein lebendiger Schlagzeuger wie Antonio Sanchez Metheny jagen würde.

Ein Abenteuer aber ist es, vor allem wenn Metheny mit dem Zauberstab seiner Gitarre noch einmal frei improvisierend an die Maschinerie rührt. „Mr. Fingercymbals is my liaison with the rest of the cats“, sagt er. Tatsächlich geben die winzigen, in Bodennähe vor sich hinklappernden Becken allen anderen Instrumenten den Takt vor, während er Schicht um Schicht von der Gitarre diktierte Loops im Orchestrion übereinanderlegt.

Als Rausschmeißer nach über zweieinhalb Stunden erwacht darin Methenys „Sueño con Mexico“ von seiner Solo-CD „New Chautauqua“ (1978) zu neuem Leben. Es soll dies, darauf legt Metheny wert, nicht die Zukunft der Musik sein. Nehmen wir es deshalb schlicht als ein Stück wunderlich erfüllter Gegenwart.

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