Pop-Tipp : Yeah Yeah Yeahs, Matthias Schriefl, Wintersleep

Musik, die Kai Müller, Kultur-Redakteur beim Tagesspiegel, sich zu Hause selbst auflegt.

Kai Müller
271215_0_974574dc.jpg
Kai Müller.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Yeah Yeah Yeahs, It's Blitz



Über "Softshock", den dritten Song dieses Albums, komme ich einfach nicht hinweg. Genau das will er auch. Von einem "shock to your soft side" singt Karen O. und gibt dabei tatsächlich das erste Mal in ihrer Karriere Laute von sich, die Gesang sind. Das New Yorker Trio um die charismatische Popdiva hat sich seinen Ruf mit schnellen und lauten Rocksongs erworben. Das Debüt dauerte dreizehn Minuten. Gerade lang genug, um drei mal Yeah! zu rufen. Aber dieses Konzepts von Vitalität waren die Musiker schnell überdrüssig. Da die Verkaufszahlen auch zurückgingen, fiel es ihnen vielleicht leichter, einen radikalen Neuanfang zu wagen. Wie toll es ein kann, schon beim dritten Album alles anders zu machen, demonstriert "It's Blitz". Zwar hört sich die nach den Strokes wichtigste New Yorker Band jetzt nicht mehr nur wie sie selbst an. Aber das wird aufgewogen durch die mitreißende Mischung aus Rocklärm und Eighties-Pop. Flirrende Gitarren, kühle Synthies und Karen O's unerwartet bezaubernde Stimme lassen Musik entstehen, die einen mitnimmt. Ich weiß noch nicht wohin.
 
Matthias Schriefl, Shreefpunk live in Köln

Jazz ist sein eigenes Referenzsystem. Deshalb höre ich ihn kaum. Mich interessieren fast nur Jazzbands, die in Fragmenten reden oder sich wie Panzerballett an dem kruden Versuch üben, Thrash-Metal-Riffs mit Swing zu versöhnen. Auf die Suche nach einer neuen Härte begibt sich auch der Trompeter Matthias Schriefl. Nicht gerade zum Nebenbeihören ist der Live-Mittschnitt seines exzellenten Quartetts. Aber die verschachtelt-rifflastigen Stücke atmen den Geist des Absurden wie ihn auch die Mothers of Invention verbreitet haben. Ständig passiert etwas, kreischt ein Bass, wummert eine Trommel und verspritzt Schriefls Trompete giftige Töne.

Wintersleep, Welcome to the Night Sky

Es gibt Gitarrenakkorde, die versteht man einfach. Paul Murphy zelebriert einen solchen Sonic-Youth-Moment gleich zu Beginn des dritten Albums seiner Band aus Halifax, Nova Scotia. Im weitesten Sinne zählt diese Fünferbande zur kanadischen Künstlerkollektiv-Szene, der es beliebt in vielköpfigen Formationen elegische Songs über das Dasein an sich zu schreiben. Obwohl "Welcome to the Night Sky" bereits vor eineinhalb Jahren offiziell erschien, kam die CD verspätet nach Deutschland (oder ich habe sie erst so spät entdeckt). Nun dschingelt, rasselt und rumpelt es aber so schön auf diesem Werk, dass mir dafür mal der Begriff Radikal Indie eingefallen ist. Denn die unabhängige Künstlerseele lebt ja in dem ewigen Widerstreit zwischen Schönheit und Ekel. Hier ist das Kaputt-Schrammelige mit dem Elegischen ausbalanciert.

Kai Müller ist Kultur-Redakteur beim Tagesspiegel. Geboren 1967 in Hannover, wollte er zunächst Kapitän werden, nahm aber nach mehreren Frachtschiff-Reisen Abstand von der Idee. Studierte statt dessen in Freiburg und Berlin. Lebt in Kreuzberg, drei Kinder.

Sind uns gute neue Bands, DJs etc. aus Berlin entgangen? Nennen Sie uns Ihren Geheimtipp, dazu klicken Sie bitte hieroder schicken Sie uns eine Email mit Ihrem Berliner Geheimtipp samt kurzer Begründung an: popmusik@tagesspiegel.de.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben