Postrock : Aus vollem Schrot und Korn

Die Debüt-CD der Berliner Postrock-Band Elyjah wartet mit einer Überraschung im Booklet auf. Fragt sich, ob die Musik ebenso ballert.

Jörg W,er
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Haben die einen Schuss? Lordemann, Oeser und Helms sind Elyjah. -Foto: Promo

Es kommt selten vor, dass einem aus einer CD Schrotkügelchen entgegen rieseln. Bei „Planet, Planet“, dem Debütalbum des Berliner Trios Elyjah, ist genau das der Fall. In dem mit einer Zielscheibe bedruckten Büchlein im CD-Format sind diverse Einschusslöcher zu erkennen, zwischen den über 100 unbedruckten Seiten stecken winzige Kugeln in unterschiedlicher Tiefe.

Hier will es eine Band offenbar wirklich wissen. Dazu passt, dass Elyjah pünktlich zur Veröffentlichung auf allen relevanten Karriereanbahnungsplattformen wie MySpace, Facebook, Twitter, LastFM, Soundcloud und YouTube vertreten sind. Was als unerlässliche Marketingoption für unbekannte Musiker nicht bemerkenswert wäre. Es ist das Produkt selbst, mit dem Elyjah ihren Anspruch auf Originalität untermauern.

Obwohl „Planet, Planet“ zur Gattung CD zählt, dem Kulturprodukt mit dem derzeit radikalsten Wertverfall, gehen die Musiker das Problem strategisch an: Wenn der Tonträger als solcher obsolet geworden ist, muss eben die Verpackung zum Distinktionsargument werden. Und nichts verschafft größeren Seltenheitswert als ein Unikat. Also ließen sich Schlagzeuger Bernd Große Lordemann, Gitarrist Robert Oeser und Bassist Martin Helms in Jägermontur ablichten, ehe sie auf einem Schießstand im brandenburgischen Klein-Wasserburg mit Schrotflinten auf die Beihefte ihrer limitierten Erstauflage gefeuert haben.

Fragt sich, ob die Musik ebenso ballert. Zumindest hatten Elyjah genügend Zeit zum Nachladen: Seit 2003 spielen sie zusammen, zunächst instrumental. Die Suche nach einem Sänger erledigte sich, als Robert Oeser seine Singstimme entdeckte. Der transportiert mit seinem dünnen, melodisch oft etwas instabilen Gesang ein eher irritierendes Pop-Element. Das könnte zu potenziellen Indierock- Hits wie „Sorry For The Scene“ führen, wo er wie Robert Smith von The Cure klingt.

Die eigentliche Stärke von Elyjah liegt indes auf anderem Gebiet. Wenn die ausgedehnten instrumentalen Passagen bei epischen Stücken wie „Eyes Wide Open“ oder „Morton’s Spate“ mit ihren komplexen Postrock-Schraffuren und mehrfach geschichteten Gitarren eine monolithische Wucht entwickeln und sich zur Wall of Sound verdichten, kommen Elyjah Spitzenkönnern des kunstvoll strukturierten Lärms wie Mono oder Mogwai sehr nahe. Jörg Wunder

„Planet, Planet“ ist auf Klimbim Records erschienen. Elyjah treten am 4. Dezember in der Villa Friedrichshöhe auf.

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