Punk- und Kronjubiläum : Nadelstiche für die Queen

Vor 30 Jahren schrieben die Sex Pistols ihrer Königin zum silbernen Kronjubiläum ein Lied: Die Punk-Hymne "God Save The Queen". Was sagen Bassist Glen Matlock, Manager Malcolm McLaren und Zeichner Jamie Reid heute dazu?

Markus Hesselmann
Punk-Ikone: Jamie Reids unheilige Sicht auf die Queen.
Punk-Ikone: Jamie Reids unheilige Sicht auf die Queen.

Jugendheim-Atmosphäre in Nordlondon: Im Club „19“ tritt eine junge Band nach der anderen auf. Der Name des Clubs kommt vom Golfplatz nebenan – das 19. Loch. Er könnte auch für das Durchschnittsalter der Fans und Musiker stehen. Der Sound ist laut, schnell und frei von Tasteninstrumenten. E-Gitarren regieren. Kurz vor Mitternacht kommt die Hauptband des Abends. Einige Dutzend Zuschauer – viele von ihnen standen vorhin selbst auf der Bühne – sind noch da. The Philistines, vier Herren zwischen 40 und 50, betreten die Bühne. In der Mitte – Spot an – Glen Matlock, „von den Sex Pistols“, wie es in der Ankündigung heißt. Eine Punklegende. Leibhaftig. In Jeans und Jackett, die ergraute Matte nach hinten gekämmt. Vor ihm steht eine bunte Truppe aus Britpoppern, Ska-Fans, Punks, Rockabillys, Schwarzkitteln – alles, was die Jugendkultur der letzten Jahrzehnte so hergibt. Matlock greift in die Basssaiten. Gediegener Rock ertönt. Einige Nachwuchsmusiker wechseln an die Bar. „Wir hauen jetzt einen raus für euch“, ruft Matlock. „Es gibt da ein Jubiläum.“ Die ersten Akkorde von „God Save the Queen“ – und alle kommen wieder zurück an die Bühne.

Die Hymne des Punk wird in diesen Tagen 30. „God Save the Queen“ – das war immer mehr als ein Song. Das war ein schöner Skandal, in Zeiten, als das Schocken noch geholfen hat. 7. Juni 1977: Elizabeth II. feiert silbernes Kronjubiläum. Auch die Sex Pistols wollen der Königin huldigen. Ihr Manager Malcolm McLaren chartert ein Boot und schippert mit der Band über die Themse durch das Stadtzentrum von London. „God Save the Queen“, dröhnt es als live dargebotener Gruß an Monarchin und Volk über das brackige Wasser. Dann folgt Zeile zwei: „the fascist regime.“

Es war ja nicht einfach, zu toppen, was diese Geschichte schon hergegeben hatte: Das Projekt Sex Pistols – das hatte bis dahin eine Single veröffentlicht, „Anarchy in the UK“, deren Text Antichrist auf Anarchist reimt. Dann gab es eine Tournee, bei der ein Großteil der Konzerte wegen Protesten besorgter Bürger ausfiel. Es gab zwei geplatzte Plattenverträge, weil die Firmen EMI und A & M um ihren Ruf fürchteten. Und es hatte einen Talkshowauftritt gegeben, bei dem die Musiker den BBC-Moderator als schmutzigen alten Mann, Scheißkerl und dreckigen Sack beschimpften. „Der Schmutz und die Wut!“, titelte der „Daily Mirror“. Der Punk war in der Öffentlichkeit angekommen.

Die Öffentlichkeit war also schon einiges gewohnt. Doch mit dem Boottrip übertrafen sich die Sex Pistols noch einmal. „Das silberne Jubiläum war ein schöner Anlass, auf die Titelseiten zu kommen“, erzählt Malcolm McLaren heute gelassen, nüchtern. Damals nahm die Polizei Band und Manager fest. Mehr noch: „God Save the Queen“ wurde aus dem Radio verbannt, erreichte aber trotzdem Platz zwei in den Charts – hinter Rod Stewarts „I don’t wanna talk about it“. Es gab Manipulationsgerüchte. Ein lokaler Londoner Sender führte die Sex Pistols auf Platz eins, brachte aber die Ansage, dass der Song nicht gespielt werden darf. Auch das Magazin „New Musical Express“ listete „God Save the Queen“ als Nummer eins auf.

Glen Matlock war da der ganze Zirkus schon zu viel geworden. Bei der Fahrt auf der Themse war er schon nicht mehr dabei. Ein anderer verwechselte die Kunst mit dem Leben: Sid Vicious, der als Fan, Faktotum und Erfinder des Pogo von Anfang an dabei gewesen war und Matlock am Bass ersetzt hatte, starb 1979 an einer Überdosis Heroin. Einige Monate vor seinem Tod war seine Freundin Nancy Spungen im gemeinsamen New Yorker Hotelzimmer mit Stichwunden im Bauch tot aufgefunden worden. Die Bluttat ist bis heute nicht vollständig aufgeklärt. Sid Vicious, mit bürgerlichem Namen John Ritchie, kam gegen Kaution auf freien Fuß. Bevor man ihm den Prozess machen konnte, war er tot. Die tödliche Affäre von Sid & Nancy wurde verfilmt, das Punkrockpaar zu Märtyrern des Rock ’n’ Roll stilisiert.

„Ich wollte malen – mit Menschen statt mit Pinseln“, sagt Malcolm McLaren. „Deshalb habe ich eine Band gegründet.“ Unbescheiden sieht er sich als Schöpfer einer Kunstform. Verpflichtet nicht musikalischen Vorbildern, sondern bestenfalls seinen kunstgeschichtlichen Idolen, den Situationisten und Dadaisten. „Punk ist viel größer als eine Gruppe, die Musik macht. Die Band war nur ein Werkzeug für mich, ein Aushängeschild. Ich war der Strippenzieher, ein Hypnotiseur.“

Was von Punk bleibt, das nennt McLaren „die Ästhetik des Selbermachens“. Eine Haltung, die vier Londoner Jungs dazu bringt, sich ohne ausgeprägte Fähigkeiten auf eine Bühne zu stellen und einen Krach zu veranstalten, der alles hinwegfegen wollte, was die Musikindustrie Mitte der Siebziger ausmachte. Aufwendige Produktion, selbstverliebte Gitarrensoli, bombastischer Sound – dafür standen Bands wie Pink Floyd, Queen oder Yes. Gegen diese Dinosaurier traten die Sex Pistols an. Mit drei Akkorden und bis zum Anschlag aufgedrehten Verstärkern brachen sie den ersten Generationenkonflikt des Rock ’n’ Roll vom Zaun. Und den letzten. Was danach kam, war Weiterentwicklung und Reform, nicht Revolution. Im Grundsatz können sich auf den Punk und seine Selbstmach- und Leck-mich-Attitüde heute immer noch alle einigen. Aber zu provozieren, wird immer schwerer. Die Punkfans der siebziger Jahre sind heute Manager, Politiker und Chefredakteure, die sich von kaum etwas schocken lassen. „Punk war einflussreicher als Picasso“, sagt Malcolm McLaren.

Glen Matlock ärgern die großen Sprüche McLarens und dass sich der Ex-Manager bis heute als Erfinder des Punk aufspielt. „Sogar die Idee mit dem Boot war ja in Wirklichkeit von mir“, sagt Matlock. „An der Kunsthochschule hatten wir uns mal eine ähnliche Aktion ausgedacht.“ Er legt Wert darauf, dass es schon vor McLarens Eingreifen eine Band gab. „Es war sogar eher so, dass wir uns Malcolm ausgesucht haben.“ Wir – das waren der Gitarrist Steve Jones, der Schlagzeuger Paul Cook und Glen Matlock am Bass. Jones sang zunächst auch. Die drei Londoner Jungs hingen gern im Modeladen „Sex“ herum, den McLaren mit seiner Lebensgefährtin Vivienne Westwood in der King’s Road in Chelsea betrieb. Matlock arbeitete dort eine Zeit lang als Verkäufer. Wer nun auch immer wen gefragt hat: McLaren jedenfalls wurde Manager der jungen Band. Sänger John Lydon kam später hinzu. Er war McLaren weniger wegen seiner klangreichen Stimme als wegen der Aufschrift „I hate Pink Floyd“ auf seinem zerfransten T-Shirt aufgefallen. Wegen seiner kaputten Zähne verpassten ihm seine Bandkollegen bald den Namen Johnny Rotten.

Aus dem musikalischen Nichts kam der Punk keineswegs. Es gab jene Mammutbands, gegen die Punk anging. Aber es gab auch Vorläufer, die es schon früher gern roh, lärmend und repetitiv hatten: Velvet Underground, The Stooges, The Modern Lovers – alles amerikanische Ostküsten-Bands aus den späten sechziger Jahren. Die New York Dolls kamen in den frühen Siebzigern hinzu und schließlich die Ramones, als Begründer des amerikanischen Punk. In Deutschland waren Can und Neu! Pioniere des anderen, anarchischen Sounds. Glen Matlock war wie John Lydon ein großer Can-Fan. Diese Krautrocker stellten sich einfach auf die Bühne, drehten die Verstärker auf und legten los ohne Rücksicht auf Verluste. Ihren Sänger Damo Suzuki hatten sie sich von der Straße geholt.

Am allermeisten nervt Matlock, dass McLaren verbreitet hat, die Sex Pistols beherrschten ihre Instrumente nicht. Seine Gegendarstellung geht ungefähr so: Steve Jones ist zwar kein filigraner Gitarrengott, aber er hat seinen eigenen Sound nach langem Proben und Probieren gefunden. Paul Cook macht mit seinen schleppenden Beats den Unterschied zum Einszweidreivier vieler anderer Punkbands. Und er selbst, Glen Matlock, spielt nicht nur handwerklich einwandfrei Bass, sondern hat auch die meisten musikalischen Ideen beigesteuert. „Anarchy in the UK“, „Pretty Vacant“ – alles von ihm, auch „God Save the Queen“. Den Text zum Song hat wie fast alle anderen Pistols-Texte John Lydon geschrieben, nicht McLarens Freund Jamie Reid, wie im Einklang mit McLaren’scher Mythenbildung lange überliefert worden ist.

Jamie Reid bestätigt das gern. „Die Texte sind von John. Ich habe höchstens ein paar Ideen beigetragen“, sagt der Mann, der zwar nicht der Dichter, dafür aber der Ikonenmaler des Punkrock war. Die berühmten Queen-Porträts mit der Sicherheitsnadel schuf Jamie Reid. Das Punkaccessoire schlechthin erhielt durch ihn seine künstlerischen und royalen Weihen. Pünktlich zum Punkjubiläum sind die Queen-Porträts wieder in London zu sehen. In der Galerie „The Aquarium“ stellt Reid seine Punkkunstwerke, aber auch abstrakte Farbgeometrie aus späteren Phasen und Bilder aus der Zeit vor 1977 aus. „Up they Rise – A Playground for the Juggler“ zeigt einen Jongleur, zu dessen Füßen Malcolm McLaren sitzt. „Das Bild entstand während der Studentenproteste von 1968“, erzählt Jamie Reid. „Wir waren damals zusammen am Kunstkolleg in Croydon. Bei den Sit-ins und Besetzungen waren wir gemeinsam dabei.“ Das Bild stilisiert den Freund bereits als kommenden Impresario. „Dass Malcolm einmal berühmt und berüchtigt wird, das war damals schon absehbar“, sagt Jamie Reid.

Zugespitzt könnte man vielleicht sogar sagen: 77 ist Englands 68. Denn anders als in Paris oder Berlin brach die kulturelle und politische Revolte in London erst mit dem Punk so richtig aus: The Clash, The Jam und Billy Bragg politisierten Punk bald nach links. Mit „Rock against Racism“ und später „Red Wedge“ dem sozialistischen Künstlerbund, der die damals noch stramm linke Labour- Partei gegen Margaret Thatchers konservative Regierung unterstützte. Die Experimentalmusiker von Throbbing Gristle predigten sexuelle Befreiung und lösten in ihren Performances die Geschlechteridentität auf. Der Regisseur Derek Jarman trat für die Rechte von Schwulen ein. Sein Film „Jubilee“ von 1977 gilt als erster Punkfilm. Auch hier geht es um Königin Elizabeth. Die Erste allerdings. Sie unternimmt eine Zeitreise ins heruntergekommene England der 1970er. In seinem frühen Kurzfilm „Studio Bankside“ hat Derek Jarman zwischen 1969 und 1973 das Leben der Künstlerboheme in den Abbruchhäusern am Südufer der Themse dokumentiert. Sie wirken wie Keimzellen des Punk. Dass der Übergang von Hippies zu Punks kein Bruch, sondern eine Entwicklung ist, wird deutlich.

Gerade war „Studio Bankside“ mit anderen frühen Jarman-Filmen in der Tate Modern, einem umgebauten Kraftwerk am südlichen Themseufer, zu sehen. Zur Live-Musik von Throbbing Gristle. Unter der Millennium-Brücke zwischen Tate-Modern-Galerie und St. Paul’s Cathedral fuhr nach der Performance zufällig eins der vielen Partyboote hindurch, die auf der Themse unterwegs sind. Tanzende Körper zeichneten sich hinter den Scheiben ab, Lichtblitze zuckten, Rockgitarren dröhnten über das inzwischen deutlich sauberere Wasser. Ist das nicht …? Tatsächlich: Queen. „Don’t stop me now. I’m having such a good time, I’m having a ball.“ Die Rockgiganten werden immer noch auf jeder Party gespielt und sind auch ohne ihren verstorbenen Sänger Freddie Mercury weiter aktiv. Die echte Queen sitzt immer noch auf dem Thron. Elizabeth II. feiert in diesem Jahr ihr 55. Kronjubiläum, mit 81 Jahren.

Malcolm McLaren arbeitet derweil an einem Musical, weil er das im digitalen Zeitalter für die einzig verbliebene Kunstform hält, die Direktheit und Intimität verspricht. Außerdem gestattete er sich gerade einen Ausflug ins Reality-TV. Er beteiligte sich an einem Wettbewerb um einen schottischen Adelstitel, den der Sender ITV rechtmäßig erworben und ausgeschrieben hatte. McLaren schockte die frommen Bewohner eines schottischen Dorfes mit einer wüsten Bewerbungsrede, in der er zum Drogenkonsum aufrief und „Jesus is a sausage“ brüllte, eine leicht verunglückte Übersetzung des berühmten Spruchs, mit dem der Dada-Künstler Johannes Baader 1918 im Berliner Dom die versammelte Gemeinde provoziert hatte: „Jesus Christus ist euch wurst“. John Lydon war McLaren da allerdings schon zuvorgekommen. Er kaperte die ITV-Sendung „Ich bin ein Star. Holt mich hier raus“, fluchte fortwährend in die Kamera und verließ die Reality-Show schließlich von sich aus.

Steve Jones lebt wie John Lydon in Kalifornien und moderiert eine Radiosendung mit seiner Lieblingsmusik. Paul Cook hat sich als Familienvater und Studiomusiker in London zurückgezogen. Nur Glen Matlock ist noch immer auf Tour. „Ich bin wohl ein ziemlicher Idiot“, sagt er und lächelt melancholisch. Es hat schon etwas Ironisches, dass Matlock der Einzige ist, der den Rock ’n’ Roll noch so lebt, wie sich die Nachgeborenen das ungefähr vorstellen. Er, über den Malcolm McLaren damals in die Welt setzte, er sei bei den Sex Pistols rausgeflogen, weil er die Beatles gut fand. Er, über den die anderen Bandmitglieder Witze machten, weil er sich auf Tour regelmäßig wusch.

1978 waren die Sex Pistols am Ende. Zweimal haben sie sich wiedervereinigt. 1996 für eine Welttournee und 2002, zum goldenen Jubiläum der Queen, für ein Konzert in London und eine Amerikatour im Jahr darauf. Kommt da noch was? „Wir reden immer mal wieder darüber“, sagt Glen Matlock. „Konkrete Pläne gibt es allerdings nicht.“ Matlock bereut seinen frühen Ausstieg immer noch. „Mit Sid Vicious wurden die Sex Pistols endgültig zu Comicfiguren“, sagt er. „Mit mir hätten wir weitermachen können, ohne Malcolm.“

Für den Bassisten und Songschreiber Glen Matlock waren die Sex Pistols einfach eine sagenhaft gute Band. Selbst der Begriff Punk hat ihn und John Lydon zu gemeinsamen Sex- Pistols-Zeiten nicht interessiert. „Punks – das bedeutete Versager für uns“, sagt Glen Matlock. „In Jimmy-Cagney-Filmen wurde das Wort für die Loser benutzt. Wir wollten keine Loser sein.“ Und der Nihilismus, der zum Image der Sex Pistols gehörte? „No Future“, immer wieder „No Future“ – damit endet „God Save the Queen“ auch in der Version, die der 50-jährige Glen Matlock mit den Philistines 2007 im „19“-Club in Nordlondon auf die Bühne bringt. „Ja wirklich, es gibt keine Zukunft“, sagt er den jungen Musikern und Fans, als der letzte Akkord der Punkhymne verhallt. „Außer ihr kümmert euch selber darum.“

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