Reggae in Neuseeland : 20.000 Kilometer unter dem Mainstream

Expedition zum anderen Ende der Popwelt: Wie die Kiwis in Neuseeland auf den Reggae gekommen sind.

Ralph Geisenhanslüke
Fat Freddys Drop
Alles organisch gewachsen. Die Band Fat Freddys Drop aus Wellington. -Foto: promo

Das neuseeländische Musikwunder beginnt am 11. März 2001 im Café Matterhorn in Wellington. Eine Handvoll Musiker tritt zusammen mit einem DJ auf die Bühne. Die Sonntags-Session, vielleicht 30 Zuschauer. Man spielt eher für sich selbst. Niemand weiß, wohin die Reise gehen wird. Die Improvisations-Trips führen durch wuchtige DJ-Beats, jazzige Bläsersätze, Anklänge von Reggae und Soul. Ein Mini-Disc-Recorder läuft mit.

Die Ansammlung von Musikern ist eigentlich keine Band, und einen Plattenvertrag haben sie schon gar nicht. Als sie die Aufnahme später hören, fragen sie sich: Warum nicht? Und bringen sie in Eigenregie heraus. „Copyright Fat Freddys Drop“ steht lakonisch auf dem Cover. Dann beginnt das Wunder wirklich. Durch Mundpropaganda klettert die CD auf Platz eins der neuseeländischen Charts, die bis dato von importiertem Mainstream-Rock beherrscht werden. Bald spielen Fat Freddys Drop nicht mehr vor 30, sondern auf Open-Air-Festivals vor 30 000 Zuschauern. Als hätte die Trickfilmschmiede von „Herr der Ringe“ mal eben eine Massenszene animiert. Aber alles ist live und echt. Erst 2005 erscheint das erste offizielle Studio-Album der Band, es bleibt mehr als zwei Jahre in den Charts. Heute hängt eine Goldene Schallplatte über dem Tresen im Café Matterhorn.

Man kann nicht behaupten, sie hätten es eilig. Im Booklet von „Based On True Story“ sieht man einen beleibten Samoaner, der den Garten wässert, Kinder, die Fish ’n’ Chips essen oder ein Foto vom leeren Strand in Wellington. Wahre Musik aus dem wahren Leben. Nicht umsonst ist die Band nach einer Figur aus Sidney Sheldons Comic „Freak Brothers“ benannt. Statt Ganja haben sie allerdings Soul, Funk und Jazz inhaliert. Die Entspanntheit erscheint als Resultat cooler Lebensweise. Auf Tournee reist man mit Familie, 40 bis 50 Leute sind unterwegs, und man fühlt sich überall zu Hause. Die Konzerte, auch in Europa, sind ausverkauft. Ihre Stücke sind Trips von sieben bis zehn Minuten, die irgendwo anfangen und ganz woanders enden.

Bald wird klar: Fat Freddys Drop sind nur die Spitze eines Eisbergs. In den Weiten des Südpazifik gibt es schier endlos viele Bands zu entdecken – die Black Seeds, ebenfalls aus Wellington und ähnlich erfolgreich, Salmonella Dub aus Kaikoura auf der Südinsel mit ihren ausufernden Dub-Exkursionen, Pitch Black aus Christchurch und ihr federnder Elektro-Sound. Trinity Roots, Rhombus, Phoenix Foundation und Dutzende weitere. Sogar Rugby-Spieler machen experimentelle Musik. Ein Wort zu Klischees über Neuseeland: Sie sind allesamt wahr. Die Landschaften sehen aus, als müssten jeden Augenblick Hobbits über die Hügel hüpfen. Die Einwohner nennen sich selbst „Kiwis“. Mit den Maori haben sie sich besser geeinigt als die Australier mit den Aborigines. Das Land hat sich zur atomwaffenfreien Zone erklärt, zu den Amtssprachen zählt neben Maori auch die Gebärdensprache. Helen Clark, die Premierministerin, gehört der Labour Party an, ihre Amtszeit bescherte dem Land einen anhaltenden Aufschwung. Irgendwie scheint alles sauber, putzig, politisch korrekt. Die Leute sind von ausgesuchter, echter Freundlichkeit. Einladungen sind immer ernst gemeint. Eine Goldene Schallplatte bekommt man für 7500 verkaufte Exemplare.

Mit der Besetzung von Fat Freddys Drop könnte eigentlich ein Witz beginnen, sagt DJ Fitchie: „Drei Maoris, ein Samoaner und zwei Pakeha. Wir sind beinahe wie ein Abbild der neuseeländischen Gesellschaft, fehlt nur noch ein Quoten-Asiat“. Pakeha ist das Maori-Wort für Neuseeländer europäischer Abstammung, der Samoaner ist Fitchie selbst, bürgerlich geboren als Chris Faiumu. Er gilt als Übervater des neuseeländischen Pop. Viele der genannten Musiker haben ihren Geschmack an seiner Radiosendung gebildet, die Faiumu Ende der Achtziger auf einem College-Kanal begann. Seine Eltern wanderten aus Samoa ein; Presbyterianer, man sang in der Kirche, wie eben üblich im Südpazifik.

Woher kommt die Affinität zum Reggae in Neuseeland? Treffen mit Barnaby Weir, dem Sänger der Black Seeds, und Tim Jaray, dem Bassisten. Die Band ist für eine Woche in Berlin. Sie wohnen bei Angehörigen der Neuseeländischen Botschaft. Wie gesagt: Einladungen sind immer ernst gemeint. Es gab in den Siebzigern ein legendäres Konzert von Bob Marley, sagen sie, an das sich sogar Leute erinnern, die damals noch gar nicht geboren waren. Besonders Maoris begannen Reggae zu hören. Die Parallelen lagen auf der Hand: Kolonial-Erfahrungen, soziale Randständigkeit und eben das Inselgefühl. „Die Maori hatten einen ganz anderen Begriff von Landbesitz“, sagt Weir, „in ihrer Auffassung besitzt niemand Land. Deshalb wurden viele betrogen. Das erinnerte an die Babylon People. Deshalb war Marley war auch ihr Held.“

Zufällig ist Waitangi Day, der Nationalfeiertag, an dem 1840 der Vertrag zwischen den Maori und der britischen Krone besiegelt wurde, auch der Geburtstag von Marley. Maoris sind keine Rastafaris und wollen es auch nicht sein. Hier gibt es keine angelernten Haile-Selassi-Sprüche und keine Kiffer-Seligkeit. Barnabys Mutter ist eine von Pakeha adoptierte Maori. „Sie wollte es schaffen in der westlichen Gesellschaft.“ Etwas davon ist auf ihren Sohn übergangen. Weir, ein kleiner, schmaler Mann mit großer Brille, ist 29 und spielt 200 Konzerte im Jahr. Vor fünf Jahren rief er das Projekt „Fly My Pretties“ ins Leben, ein Gipfeltreffen neuseeländischer Musiker, das bisher zwei Alben veröffentlicht hat.

Die Black Seeds selbst bringen gerade ihr fünftes heraus. Sie sind nicht beim Reggae stehen geblieben. Tief pumpende Synthie-Bässe treffen auf Twang-Gitarren und Funky Horns. Über Aotearoa, dem „Land der langen weißen Wolke“, scheint der musikalische Horizont endlos weit zu sein. „Wir sind 20 000 Kilometer weg von allem“, sagt Weir, „und können in aller Ruhe mit allen Regeln brechen.“

Fragt man in einem Plattenladen wie „Real Groovy“ in Auckland nach dem Regal mit den nationalen Künstlern, bekommt man ein Schulterzucken. Elektroniker stehen bei „Elektronik“ und Jazz bei „Jazz“. Feines Understatement. Stolz auf die eigenen Produktionen ist durchaus vorhanden. Aber niemand will dafür eine Fahne schwenken. Längst haben die einheimischen Bands dem globalen MTV-Mainstream den Rang abgelaufen „Recordings from Aotearoa“ sind ein Markenzeichen. So nennt das Label Loop Records seine Veröffentlichungen. Wer sie übers Internet bestellt, erhält Wochen später Pakete in grauem Papier, von Hand beschrieben und zum Postamt um die Ecke getragen.

Die letzten Jahre haben Wellington stark verändert, sagt Barnaby Weir. Den Grund dafür sieht man schon am Flughafen: Eine schreinartige Vitrine preist den Nationalhelden und „Herr der Ringe“-Regisseur Peter Jackson. Seine Produktionen haben nicht nur einige tausend Arbeitsplätze geschaffen, sondern einen Boom in allen kreativen Branchen ausgelöst. Die Gegend um das Café Matterhorn in der Cuba Street ist mittlerweile das, was Reiseführer gern als „in“ bezeichnen: ein paar allmählich schicker werdende Straßenzüge, in denen Cafés, Galerien, Kneipen und Clubs von einstmals „alternativen“ Wurzeln künden. Das Matterhorn bekam wegen der Lautstärke Ärger mit den Nachbarn.

Barnaby Weir bekommt die Veränderungen meist nur ausschnittweise mit. Wenn er in diesen Tagen heimkehrt, war er mal wieder sieben Wochen unterwegs, er hat Konzerte in halb Europa gespielt, er war nicht anwesend bei einigen Partys seiner Freunde und als sein Bruder Geburtstag hatte. Auf „Solid Ground“, singt er vom diesem verdammt wichtigen Stück Boden unter den Füßen, das ein Mensch braucht, um nicht die Erdung zu verlieren – besonders am anderen Ende der Welt, in diesem Ozean von Sounds.

Gerade erschienen: The Black Seeds: „Solid Ground“ (Sonar Kollektiv). Am 19. November spielen sie in Berlin in der Maria.. Einen Besuch lohnt: www.loop.co.nz.

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