Techno-Festival : Sie treffen sich in einem Garten

Timor Kodal kämpft mit Techno-Parties und Gratismusik gegen die Vormacht der Konzerne. Ab heute beginnt sein Netlag-Festival.

Kolja Reichert
Kodal
Umsonst und draußen. Der Netz-Label-Betreiber und Laptop-Aktivist Timor Kodal will, dass Musik nichts kostet.Foto: Uwe Steinert

Wessen Herz für Techno schlägt, dessen Augen leuchten nachts. Timor Kodal hat am Vorabend einen Auftritt gehabt, jetzt schickt er müde Blicke über den Tisch. Als wären seine Augen an eine sterbende Batterie angeschlossen. Dass er von seiner Mission erzählt, hellt die Situation etwas auf. Schließlich geht es darum, etwas Wertvolles zu retten. Die Musik – aus den Fängen des Kommerzes.

Kodal arbeitet als IT-Fachmann, in seiner Freizeit ist er Musiker, Labelbetreiber und Partyveranstalter. Wenn der 30-jährige Berliner über seine Feinde spricht, bleibt er gelassen. Er hat das schon oft erklärt: die Sache mit den GEMA-Gebühren, die er eine „Subventionssteuer für etablierte Musiker“ nennt, weil sie Underground-Künstler benachteiligen; oder die verfälschende Informationspolitik der Plattenindustrie, der es gelingt, den Eindruck zu vermitteln, es würde immer weniger Geld für Musik bezahlt. „Es wird mehr Geld für Musik ausgegeben als je zuvor“, sagt Kodal. „Nur kommt immer weniger bei den Konzernen an. Gott sei dank“. Für eine wachsende Zahl von Veranstaltungen und Produktionen werden die Großen schlicht nicht mehr gebraucht.

Was die Tonträgerindustrie in Panik versetzt, ist für viele Künstler eine Chance: die Verbreitung von Musik übers Internet. Es herrscht Gründerzeit. Immer mehr sogenannte „Netlabels“ bieten Musik im Netz an – gratis und lizenzfrei. Kodal gründete selbst vor einigen Jahren Pulsar Records, zunächst, um Musik von sich und einigen Freunden zu präsentieren. Inzwischen kann jeder dem „Pulsaren“ beitreten, selbst produzierte Stücke verfügbar machen und die Songs anderer bewerten. Was sich in der Community bewährt, wird öffentlich zum Download angeboten.

Vinyl hat noch deutlich mehr Sex Appeal

Auf den Tanzflächen hat digitale Musik bislang ein Nischendasein geführt. Vinyl verfügt in der DJ-Kultur noch über deutlich mehr Sex Appeal; DJs wollen das Haptische ihres Berufs nicht verloren geben. Deshalb finanziert Kodal mit seinem zweiten Label Little Green Man auch Vinyl-Pressungen. Seit mit Software-Programmen wie „Final Scratch“ die Möglichkeit besteht, MP3-Dateien über Plattenteller anzusteuern, dürfte allerdings auch diese Bastion des analogen Zeitalters fallen.

„Netaudio ist tanzbar“, sagt Timor Kodal. Um das zu beweisen, gründete er vor eineinhalb Jahren gemeinsam mit Don Ludwig vom Netlabel Pentagonik und Raimund Reintjes vom RAW-Tempel „Netlag“, die erste Partyreihe Europas, die ausdrücklich auf das Spielen von GEMA-Musik verzichtet. Dabei sieht sich Kodal nicht in erster Linie als Partyveranstalter. „Ich bin Netaudio-Aktivist. Ich möchte ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die klassischen Vertriebswege für Musik nicht koscher sind.“

Tatsächlich sind gerade kleine Künstler und Veranstalter, wie sie besonders die elektronische Musik prägen, strukturell benachteiligt. Sobald auch nur ein GEMA-pflichtiges Stück gespielt wird, muss ein Partyveranstalter Gebühren abführen – durch den bestehenden Tantiemen-Verteilungsschlüssel kommt bei den tatsächlich gespielten Künstlern aber kaum etwas an. „Stattdessen wird der neue Wagen von 50 Cent finanziert“, feixt Kodal.

Achtzehn Jahre nach Gründung der Love Parade wird Techno wieder politisch. Doch während damals augenzwinkernd-naiv „Friede, Freude, Eierkuchen“ gefordert wurde, geht es heute um Realpolitik. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Illegales Feiern hat in Berlin Tradition. Doch mehr als leere Geldbeutel und gute Laune springt auch für die Jugendlichen, die Spontanparties in Parks und Waschsalons abhalten, bislang nicht heraus. Neu ist allerdings, dass immer öfter im öffentlichen Raum getanzt wird. Raver finden sich per Newsletter, Myspace und Handy an frei zugänglichen Orten ein, tauchen unangekündigt auf und unter – und bleiben sichtbar. Ob bewusst oder unbewusst: In Kodals Augen üben sie damit beste Stadtplanungskritik. Freiräume schwinden, Technotänzer erobern sie auf friedliche Weise zurück.

Sicherheitskräften im Clownskostüm begegnen

Die DJs vom Projekt Reclaim The Sparkasse, die als Livepiraten an solchen Happenings teilnehmen, beziehen sich auf das Manifest der „Hedonistischen Internationale“, die im Rahmen der G-8-Proteste erstmals medienwirksam in Erscheinung trat und den Sicherheitskräften tanzend oder in Clownskostümen begegnete, statt zu provozieren. Das Netzwerk versteht Hedonismus als praktische Gesellschaftskritik – als „Chance zur Überwindung des Bestehenden“. Politische Demonstrationen werden in Parties umfunktioniert, und Parties werden zunehmend mit politischen Inhalten aufgeladen. Veränderung durch Spaß – kann das Sprengkraft haben? Timor Kodal lächelt: „Ich hoffe.“

Der Sohn von 68er-Eltern, an deren Essenstisch immer Zeit für politische Gespräche war, glaubt, dass es in der Techno-Szene mehr Unrechtsbewusstsein und Widerstandspotential gebe als gemeinhin gedacht. Doch glaubt er nicht an die Methoden seiner Eltern, die auch die Protestmusik der Sechziger und Siebziger prägten. Es ist ein verführerischer Gedanke – dass sich Widerstand gestalten kann wie die Produktion eines Technotracks. Nicht großen Utopien und Identifikationsangeboten folgend, sondern nach dem Baukastenprinzip: durch allmähliches Basteln, durch experimentelle Entwicklung von Motiven, das Übereinanderschichten einzelner Spuren.

Jeder Hinterhofmusiker, ob in Lissabon oder Kairo, hat heute die Mittel, seine Musik der ganzen Welt zu zeigen, ohne den Filter eines A&R-Managers – auch wenn sich dort, wo eine ganze Band ins Studio geht, nicht auf den Vorschuss eines finanzstarken Labels verzichten lässt. Während früher für Netaudio-Musik noch viel Recherche nötig war, können DJs heute aus einem reichen Angebot schöpfen. Auch Künstler anderer Genres entdecken diesen Vertriebsweg zunehmend.

Die neue Vielfalt bringt auch Unübersichtlichkeit mit sich. Doch gibt es die im Plattenladen nicht auch? „Als DJ weißt du eben, in welchen Regalen gute Musik steht“, sagt Kodal. Und blinzelt aus kleinen Augen in eine Welt, die ihn als Weltverbesserer sehen soll.

Netaudio Festival Berlin, bis 7. Oktober auf dem RAW-Gelände (Revaler Str. 99, Friedrichshain). Infos auf www.netaudioberlin.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben