The Notwist : Baut euch ein Nest

The Notwist liefern mit "The Devil, you & me" den Soundtrack für die Generation Zeitvertreib.

Kai Müller

Es gibt einen Gitarrenakkord, der klingt wie fließendes Wasser. Markus Acher schlägt ihn an. Achtelnoten perlen aus seinem Instrument, klar und hell, ein wirbelnder Tropfenstrom – der Song ist noch keine zehn Sekunden alt, da spürt man bereits, dass er nie ankommen wird. Eine Kraft hat ihn, um im Bild zu bleiben, an die Oberfläche gepumpt. Danach überlässt er sich nur noch dem Lauf der Dinge. Widerstände hat er nicht zu überwinden. Und in das pulsierend schäumende Gitarrengeplätscher hinein schlägt Sänger Markus Acher vor: „Let’s just imitate the real / Until we find a better one“. Ein Satz für philosophische Proseminare. Lasst uns an der Lüge festhalten, solange die Wahrheit hässlich ist, heißt das. Und es klingt wie das Motto von Leuten, die ihr Leben für einen Zeitvertreib halten – für ein Sich-die-Zeit- Vertreiben, bis was Besseres kommt.

Ein schöner Satz ist es trotzdem, der sich da im Auftaktgekräusel des lang erwarteten neues Albums von The Notwist findet. Wann wurde zuletzt so kunstvoll, so listig der Realität abgeschworen wie in „The Devil, you & me“, dem heute erscheinenden sechsten Werk der Weilheimer Band um die Gebrüder Acher? Und ist es nicht schon für sich genommen kostbar, einer Musik zu folgen, die alle Spuren ihrer Entstehung getilgt hat, die einfach passiert, statt „gemacht“ worden zu sein? Dennoch beschreibt sie Stillstand. Wohin um alles in der Welt soll man sich wenden, um nicht da wieder anzukommen, von wo man aufgebrochen ist, fragt Acher in „Where In This World“. Er sucht den Ausweg im chord that takes me away – im Traumland der Akkorde. Aber es hilft nichts. Niederschmetternd melancholisch gestimmt ist das Notwist-Universum. Es besteht fast nur aus Verneinungen.

So kommt die Platte, auf die man sechs Jahre hat warten müssen, vielleicht gerade rechtzeitig, um die Weltverzagtheit der heute 30- bis 40-Jährigen zu untermalen, die von ihrem Dasein keine großen Sensationen mehr erwarten und nicht wissen, wie sie sich damit einrichten sollen. Diese Generation hatte schon viele Namen: Golf und Golf 2, urbane Penner, Praktikum. Nennen wir sie Generation Schlonz, weil sie, skrupulös wie sie ist, alles abwägt und zerdenkt und in die Welt wie in einen Stromkasten blickt: lauter lose Enden. Als thirtysomethings befinden sie sich in der Blüte ihres Lebens, aber sie betrauern nur, dass es nicht losgeht. Dass es keinen Plan mehr für sie gibt, was umso schmerzvoller ist, da sich für einen kurzen historischen Moment sämtliche Wohlstandsversprechen auf sie projizierten. „Es ist noch gar nicht lange her, zehn, vielleicht 15 Jahre“, schreibt Matthias Kalle in der „Zeit“, „da galten wir als die hoffnungsvollste Zukunft, die dieses Land je hatte“.

Zur selben Zeit traten auch das Brüderpaar Markus und Micha Acher sowie der inzwischen ausgeschiedene Schlagzeuger Mecki Messerschmidt an, zur einzigen international beachteten deutschen Indie-Band zu werden. „Shrink“ hieß das Album der Weilheimer Band, mit dem sie sich von der Kraftmeierei ihrer Punk-Anfänge abwandte. Erstmals setzte sich Neumitglied und Computerfrickler Martin Gretschmann alias Console als gleichwertiger Mitspieler durch. Neben verzerrten Lärmgitarren war nun das Puckern und Säuseln elektronischer Geräte zu vernehmen. Die Songs implodierten und verwandelten sich in kammermusikalische Abenteuer. Das war der paradoxe Versuch, Rockmusik unter Beibehaltung des Instrumentariums abzuschaffen. Die Gefilde des Postrock versprachen viel: ständige Erneuerung.

Mit „Neon Golden“ gelang The Notwist 2002 dann sogar ein Top-Ten-Hit. Während die Achers nach wie vor in der Dixieland-Kapelle des Vaters zum Frühschoppen spielten, entkoppelten sie im eigenen Studio aufs Gewagteste Songstrukturen und fanden so eine Sprache des Pop, die extrem verdichtet und weitläufig zugleich erschien. Ein paar tolle Ohrwürmer wie „Pick Up The Phone“, „Pilot“ und „Off The Rails“ machten das Album zu einem der vollkommensten, das je hierzulande entstanden ist.

Schon 2004 sollen sich The Notwist wieder ans Werk gemacht haben. Aber es entstand kein zweites Wunder von Weilheim. Die Musiker hatten zu viele andere Dinge um die Ohren – Filmmusiken, Seitenprojekte. Und es schien wohl auch nicht sonderlich zu drängen, dem Erfolgsalbum „Neon Golden“ ein weiteres folgen zu lassen. Die musikalische Entwicklung der Band, so schien es, war abgeschlossen.

„The Devil, you & me“ ist denn auch genau so geworden, wie man sich eine Notwist-Platte vorstellt. Dass in der Zwischenzeit die britische Postpunk- Welle Bands im Wochentakt verglühen ließ, dass von Amerika ein Hippie- Folk-Revival nach Europa schwappte und die iTunes-Kultur das klassische Album zum anachronistischen Format gemacht hat, hinterlässt hier keinerlei Spuren. Stattdessen gleiten „Gloomy Planets“ durchs Bild und unterstreichen die Gewissheit, dass sowieso alles beim Alten bleibt.

Es tut weh zu hören, wie sich hier das Versprechen der Erneuerung nicht erfüllt. Dass ein Orchester zum Einsatz kam, spürt man kaum, einmal kurz lassen Streicher Funken fliegen. Dabei hätte das Kraftfeld zwischen Laptop und Gitarrenverstärker, das The Notwist bislang vorantrieb, einen weiteren Pol durchaus vertragen können. Aber es bleibt bei dem Bemühen um abstraktere Klangfarben. Man fragt sich, ob dafür wirklich 110 Studiotage nötig waren.

Markus Achers Gesang ist so intim, voller Wärme und schüchtern wie ehedem. An ihm hängt alles, erzählt er. Wenn er es als Gitarrist und Texter von The Notwist nicht schaffe, „eine Melodie oder Akkorde zu finden, die Improvisation zu einem Stück zu machen, dann funktioniert es nicht“. In „Gravity“ singt er davon, dass nicht mal die Schwerkraft ihm beikommen könne. Doch dafür sind The Notwist dann doch zu sehr Gefangene ihrer eigenen Orbitalbahn. Mag sein, dass sie alles immer wieder verworfen, weggeschmissen, neu aufgebaut haben. Aber wo ist die erhebende Melodie? Wo das den eigenen Plan sprengende, öffnende Moment?

So wird gegen die postadoleszente Tristesse nur auf Beharrlichkeit gesetzt. „We know we’re not the smartest“, heißt es im Titelsong „The Devil, you & me“. Wir wissen, dass wir nicht die Klügsten sind. Und die Botschaft: Bau dir ein Nest, halte es warm.

„The Devil, you & me“ von The Notwist erscheint bei Cityslang. Die Band spielt am 9. Mai in der Berliner Volksbühne.

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