Tiroler Festspiele : Mit der Chopper zum Dirigieren

Impresario Gustav Kuhn macht das Tiroler Bergdorf Erl zum "zweiten Bayreuth".

Georg Etscheit[ddp]
Tiroler Festspiele
Tiroler Festspiele: Böse Gestalten und wilde Tiere auf der Festbühne in Erl. -Foto: ddp

ErlWenn eine Honda Chopper vor dem Erler Festspielhaus steht, kann man davon ausgehen, dass der Meister nicht weit ist. Derzeit sieht man das schwere Motorrad dort jeden Tag, denn die Proben für den diesjährigen Festspielreigen (5.-28. Juli) in dem Tiroler Bergdorf am Inn zwischen Rosenheim und Kufstein stehen kurz vor dem Abschluss. Und wie immer hat Gustav Kuhn - Motorradfan, Intendant, Dirigent und Regisseur in einer Person - alle Fäden in der Hand. Mittags braust Kuhn schon mal in sein Lieblingslokal in Erl, um ein "Künstler-Menü" zu ordern. Vor zehn Jahren hatte der beleibte, stets schwarz gekleidete Dirigent mit der langen Künstlermähne die Opern- und Musikfestspiele in dem Tiroler Passionsspieldorf gegründet. Das erste klassische Musiktheaterwerk, das er im architektonisch und akustisch herausragenden Erler Passionsspielhaus aufführte, war Richard Wagners "Rheingold", Vorabend der Trilogie "Der Ring des Nibelungen". "Wir haben ein Werk mit großem Orchester, aber ohne Chor gesucht und sind auf das 'Rheingold' gekommen", sagt Kuhn.

Daraus wurde der mittlerweile legendäre Erler "Ring", der Kritiker zu Begeisterungsstürmen hinriss und Erl den Ruf eines "zweiten Bayreuths" einbrachte. Es gibt sogar eine veritable Erler Wagner-Gemeinde, die jedes Jahr wieder auf Tirols "grünen Hügel" pilgert. Die Sänger und Musiker, die zusammen mit dem unermüdlichen Kuhn Wagners monumentale Opern und manch Sinfonisches von Bruckner bis Brahms stemmen, kommen aus 16 Nationen, vor allem aus Osteuropa. Jedes Jahr finden sie den Weg nach Erl, obwohl die Gagen "kläglich" sind, wie Kuhn selbst sagt. "Aber wir haben einfach einen riesigen Spaß zusammen." Kuhn erinnert an seinen berühmten Wagner-Marathon im Jahr 2005, als er den ganzen "Ring" in 24 Stunden nonstop aufführte. Ohne Murren hätten die Künstler das durchgestanden, lobt Kuhn, dem Gewerkschaften, die bestimmen, wann im Orchestergraben Pause zu sein hat, ein Gräuel sind. Im Festspielhaus der 1500-Seelen-Gemeinde findet gerade eine Probe für eine Chorszene aus der "Götterdämmerung" statt. Hagens wilde Mannen schmettern ihr "Hioho" in T-Shirts und kurzen Hosen zur filigranen Klavierbegleitung eines Korrepetitors.

Im Monitor sieht er seine Sänger

Die Sänger kommen alle aus Polen, Kuhn verständigt sich mit ihnen auf Englisch. Im Erler Passionsspielhaus hat Kuhn sein Orchester hinter der Bühne hinter einer Art Schleiervorhang platziert. An seinem Dirigentenpult sind drei Monitore befestigt, auf denen er die Sänger in Großaufnahme sieht. "Das ist besser als in der Scala, wo die Sänger 16 Meter vom Dirigenten entfernt sind", sagt der Maestro. Kuhn rühmt sich, in Erl eine Talentschmiede für junge Sänger geschaffen zu haben. So war der Bassbariton Albert Dohmen 1998 in Erl in der Rolle des Wotan zu erleben. Dieses Jahr singt er die gleiche Rolle bei den Bayreuther Festspielen. Oder der finnische Bassbariton Juha Uusitalo. "Der singt jetzt den Wotan an der Wiener Staatsoper", sagt Kuhn nicht ohne Stolz. Auch für 2007 hat sich Kuhn, der sein Handwerk unter anderem bei Herbert von Karajan lernte, wieder einen musikalischen Kraftakt vorgenommen. Es gibt zwar keine Neuinszenierung, dafür eine große Retrospektive mit den Wagner-Opern "Rheingold", "Walküre", "Siegfried", "Götterdämmerung", "Parsifal" sowie "Tristan und Isolde", fast kein Werk unter vier Stunden Länge. Die Opern werden "musikhistorisch exakt" in der chronologischen Reihenfolge ihres Entstehens auf die Bühne gebracht.

Unterbrochen nur von einer Lesung des Textbuches der "Meistersinger", die bislang szenisch in Erl noch nicht zu sehen waren. Zum Zehnjährigen hat sich in dem kleinen Festspieldorf viel österreichische Politprominenz angesagt, darunter auch Bundespräsident Heinz Fischer. Der Intendant der Paris Oper und frühere Chef der Salzburger Festspiele, Gerard Mortier, wird die Festrede halten. Kuhn versucht, als Regisseur auch die Erler Bevölkerung in die Festspiele einzubinden. So darf die Feuerwehr in der "Götterdämmerung" in voller Einsatzmontur die Bahre mit dem ermordeten Siegfried hereintragen und löscht zum Schluss den Weltenbrand.

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