Tony Wilson : Partylegende

Factory, Hacienda, Rave: Tony Wilson hat die Popsounds der achtziger und frühen neunziger Jahre geprägt. Ein Nachruf

Gerrit Bartels

Dass Pop in erster Linie Blendwerk ist und erst in zweiter politisch-gesellschaftliche Relevanz hat, wusste Tony Wilson nur allzu gut: „Wenn du zwischen der Wahrheit und der Legende wählen kannst, entscheide dich immer für die Legende“, so sein Credo. Er selbst brauchte sich jedoch nie zu entscheiden. Tony Wilson war durch und durch Legende, spätestens seit er 1978 in Manchester das Label Factory Records gegründet und mit diesem die Popsounds der achtziger und frühen neunziger Jahre entscheidend geprägt hatte.

Wilson verpflichtete die Düster-New-Wave-Band Joy Divison, hatte nach dem Selbstmord von deren Sänger Ian Curtis riesigen Erfolg mit der Joy-Division-Nachfolgeband New Order und stand dann mit den von ihm entdeckten Happy Mondays 1989/90 im Zentrum der sogenannten Rave-o-lution. England tanzte, England träumte, und Manchester hieß „Madchester“ und war der Nabel der Musikwelt, insbesondere auch der Hacienda-Club, den Wilson 1982 als Standbein für sein Label gegründet hatte. Wilsons popmusikalische Initiation (und die des Punk!) war das erste Konzert der Sex Pistols 1976 in Manchester. Nach diesem Auftritt beschloss der 1950 geborene und nach einem Literaturstudium in Cambridge als TV-Moderator arbeitende Wilson, die Sex Pistols in seine Kultursendung „So It Goes“ einzuladen und sich selbst in der Musikszene zu engagieren.

Obwohl seine Bands und die Hacienda in aller Munde waren, obwohl etwa der New-Order-Tanzfeger „Blue Monday“ die bestverkaufte Maxi-Single aller Zeiten wurde – reich geworden ist Tony Wilson nicht. Im Gegenteil, nach der Insolvenz von Factory 1991 und der Schließung der Hacienda 1997 hatte er einen Berg von Schulden. „Manche Leute machen Geld, manche Geschichte“, so tat er das ab, auch weil er wusste, dass er schon längst eine Legende war. Brief und Siegel darauf bekam er 2002 mit Michael Winterbottoms Film „24 Hours Party-People“, der weniger ein Film über die Rave-Stadt Manchester als ein Tony-Wilson-Porträt ist. Am vergangenen Freitag ist Wilson im Alter von 57 Jahren einer Nierenkrebserkrankung erlegen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben