Popkultur : Disco-Diskurs

"Madonna und wir": 60 Autoren gratulieren Madonna Louise Veronica Ciccone, die heute ihren 50. Geburtstag feiert, mit einem Sammelband.

Christian Schröder

Wer 50 wird, ist für das Jungsein bereits definitiv zu alt, für die Altersweisheit aber immer noch etwas zu jung. Das Beste, was man mit fünfzig tun kann, ist: weiterarbeiten. Madonna Louise Veronica Ciccone, die heute ihren 50. Geburtstag feiert, steckt mitten in den Vorbereitungen für ihre Welttournee. In einer Woche, am 23. August, beginnt ihre unter dem Motto „Sticky and Sweet“ stehende Konzertreise in Cardiff, am 28. August wird sie ins Berliner Olympiastadion kommen, das bislang noch nicht ausverkauft ist. „Die Bühne ist eine Bestie, die wir beherrschen müssen“, hat sie mal gesagt. Statt der Sexgöttin, des hedonistischen „Material Girl“ kehrt sie inzwischen am liebsten die harte Arbeiterin und perfekte Dienstleisterin heraus. Auch mit 50 bleibt der Ruhm für sie schweißtreibende Herausforderung.

„Madonna und wir“ heißt ein pünktlich zum Geburtstag herauskommender Sammelband, in dem 60 Autoren, Musiker und Künstler der Sängerin huldigen (hg. v. Kerstin u. Sandra Grether, Suhrkamp, 400 Seiten, 12 €). Das Buch versammelt vertrackte popkulturelle Abhandlungen, hemmungslose Fanbekundungen und Geschichten vom Groß-und-stark-Werden unter dem Einfluss von Madonna-Hits.

Inga Humpe nennt Madonna schlicht „Mutti“ und schwärmt: „Du bist in meinem Inneren, als blaues Kontrastmittel fließt du in meinen Adern und ich kann mich selber besser erkennen.“ Für Dietmar Dath ist sie die „Chefin“, er staunt: „Wie viele Schleudergänge in der Medienwäschetrommel hat diese Dame hinter sich, ohne dass sie dabei je zum nassen Lappen geworden wäre? Es ist kaum zu fassen.“ Es geht um Madonnas epochalen MTV-Zungenkuss mit Britney Spears aus dem Jahr 2003 (Katja Peglow), um Madonna als Idol der schwulen Subkultur (Adriano Sack) und um Madonnas Feminismus (Elke Buhr). Erfrischenderweise findet sich unter den meist streng hagiografischen Auslegungen auch ein Totalverriss. „Madonna steht für jenes Amerika, das so selbstbewusst wie verbohrt den Tod verleugnet und seine Ärmsten, Ältesten, Kleinsten und Schwächsten zum Beispiel – ganz konkret – nicht krankenversichert“, empört sich Sarah Khan. „Wenn man mich fragt, sie verdient unsere Liebe nicht.“

Madonna ist der größte lebende Popstar, sie hat mehr als 200 Millionen Platten verkauft und ist seit 20 Jahren Gegenstand wissenschaftlicher Abhandlungen. Zum 50. Geburtstag läuft der Diskurs noch einmal heiß. Madonna selber sagt eher wenig. Interviews gewährt sie selten, und wenn, dann ist sie wortkarg. Blenden wir also zum Abschluss kurz in ein Gespräch hinein, das Detlef Diederichsen 1993 mit ihr führte. Haben Sie ein Vorbild fürs Älterwerden, nun da Sie in einigen Jahren 40 werden? Madonna: „Gibt es eine Altersgrenze für Kreativität? Ich kann Songs schreiben, bis ich 100 bin, falls ich dazu Lust habe.“ Können Sie sich selber mit 75 vorstellen? Madonna: „Nein. Aber ich bin sicher, dass ich dort ankomme.“ Von heute an bleiben ihr bis dahin noch 25 Jahre. 

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