Popkultur-Festival : Muss wohl Berlin sein

Der Klang des Neuen mit alten Bekannten wie Sven Regener und Andreas Dorau: Zum Auftakt des Pop-Kultur-Festivals im Berghain.

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Katja Lucker, Christian Morin und Martin Hossbach sind die Verantwortlichen des Pop-Kultur-Festivals.
Katja Lucker, Christian Morin und Martin Hossbach sind die Verantwortlichen des Pop-Kultur-Festivals.Foto: Tim Dobrovolny

Es klingt reizend, ja, fast ein bisschen poetisch, was Katja Lucker da an diesem schönen Nachmittag in der Schlackehalle des Berghains sagt: „Ihr und Sie seid Teil von etwas Neuem. Was wir hier erleben werden, dem haftet hoffentlich auch der Klang des Neuen an. Wir wollen die Popkultur darstellen, die Popkultur des Jahres 2015, mit Kunst, mit Künstlern, die hier sprechen, die hier Dinge machen und Musik.“

Vorher aber muss die Begrüßung über die Bühne gehen, muss Lucker als Leiterin des Musicboard Berlin sich bei Sponsoren und Partnern bedanken und ihre Mitstreiter vorstellen und zu Wort kommen lassen, namentlich die beiden Programmverantwortlichen Martin Hoßbach und Christin Morin sowie vor allem den Chef der Berliner Senatskanzlei, Björn Böhning. Denn „Pop-Kultur“, wie das drei Tage dauernde Festival genauso schlicht wie irritierend heißt, ist ein vom Senat gefördertes Festival, das von dem ebenfalls vom Senat 2013 gegründeten Musicboard ausgerichtet wird und letztendlich der Nachfolger der Messe Popkomm und der Berlin Music Week ist.

Von den Vorgängerinnen ist jedoch keine Rede in den kurzen Grußworten von Hoßbach, Morin und Böhning. Dafür umso mehr von einem Festival, „was anders ist als andere Festivals“, auf dem „Dinge passieren, die Menschen noch nicht gesehen haben“, auf dem „in einer Form von Workshops, Lesungen, Gesprächen und Konzerten Dinge zusammenlaufen, wie man sie von anderen Festivals nicht kennt“ – und das vielleicht dereinst so etwas wie „die Berlinale der Musik“ werden könnte, wie sich Böhning es schließlich wünscht.

Regener weiß, wie Pop funktioniert: "Kauft unser Buch draußen, wir signieren auch!"

Alles großartig, alles schön also – auch wenn einen schon bei der Begrüßung und beim Studieren des 80-seitigen Programmheftes ein wenig das Gefühl beschleicht, dass das alles so neu und so anders auch wieder nicht ist. Gab es ähnliche Mischformen von Konzerten, Lesungen und Diskussionen zu einem bestimmten Thema nicht schon vor Jahrzehnten in der Volksbühne? Und vor Jahren und immer noch im HAU? Damals öffnete sich das Theater konkret dem Pop – jetzt ist es umgekehrt: Der Pop, die Popkultur nehmen staatstragende, hochkulturelle Züge an, zumal dieses Festival konsequent das Interdisziplinäre von Pop betont, mit Künstlern wie Norbert Bisky oder Michael Melijan, der „Welt“-Journalistin Ronja von Rönne oder dem Filmemacher Sebastian Schipper als Diskussionsteilnehmern. Dass das Ganze in den vielen Hallen und Bars und auf dem Gelände des Berghains stattfindet, der Berliner Nachtlebeninstitution schlechthin, passt ebenfalls gut.

Mit dem „Klang des Neuen“ ist es jedoch gerade bei der Auftaktveranstaltung so eine Sache, da betreten nämlich zwei gute alte Bekannte die Bühne der Schlackehalle, Sven Regener und Andreas Dorau. Sie lesen aus ihrem gemeinsamen Buch „Ärger mit der Unsterblichkeit“, wobei Regener die Dorau-Geschichten vorliest und Dorau sie mit ein paar Fotos und Videos zusätzlich erläutert.

Das ist lustig, unterhaltsam, mitten aus dem Pop-Leben. Und wie sehr beide das verinnerlicht haben, dokumentiert Regener gleich zu Beginn, als er im hübschen Kontrast zu dem viel beschworenem Neuen, Anderen und Spannenden darauf hinweist, dass das Buch draußen gekauft werden kann, höchstpersönlich von ihm und Dorau signiert. Pop ist eben nicht nur Kultur, sondern auch schnöder Kommerz. Besser ins Bild und zum Konzert passen die Auftritte des Musicboard-Stipendiaten Pantha du Prince mit seinem Bandprojekt Triad und von CocoRosies Bianca Cassady. Hier gefällig dahinfließende elektronische Sounds, dort ein mitunter anstrengendes, gleichermaßen an David Lynch wie Antonin Artaud erinnerndes Düsterpop-Theater – da wird aufs Schönste demonstriert, wie groß die Welt der Popkultur ist. Und wie seltsam und fremd sie sein kann.



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