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Popwunder : Junger Hund mit alten Tricks

23.01.2013 16:36 Uhrvon
Gitarrenrebell. Der 18-jährige Jake Bugg aus Clifton bei Nottingham. Foto: UniversalBild vergrößern
Gitarrenrebell. Der 18-jährige Jake Bugg aus Clifton bei Nottingham. Foto: Universal

Vom Sozialbau in die Top Ten: der britische Songwriter Jake Bugg ist erst 18 Jahre alt - und wird für sein fulminantes Debütalbum schon mit Bob Dylan verglichen

Ich trinke, um mich zu erinnern. Ich rauche, um zu vergessen. Ich bin ein alter Hund, aber ich habe neue Tricks gelernt („Two Fingers“). Ich habe alles gesehen. Ich schwöre bei Gott, nach dieser Nacht schockt mich nichts mehr („Seen It All“).

Wären Textzeilen wie diese auf dem letzten Album von Robbie Williams aufgetaucht, hätte man gedacht: Okay, nach der Lebensgeschichte war es mal Zeit für melancholische Selbstreflexion. Doch es singt eben kein auf die 40 zugehender Ex- Superstar, sondern ein Rotzlöffel, der, wie er gern hervorhebt, genau einen Tag älter ist als Justin Bieber.

Jake Bugg heißt der 18-jährige Wunderknabe, dessen gleichnamiges Debütalbum in Großbritannien bereits im letzten Oktober erschien und auf Anhieb an die Spitze der Charts schoss.

Das ist keine große Leistung, jeder brauchbare „Single of the Week“-Hype aus dem „New Musical Express“ darf mal Höhenluft schnuppern. Dass Jake Bugg nach einer Achterbahnfahrt durch die Hitparade nach über drei Monaten wieder unter den Top Five steht – und dabei Namen wie Rihanna, Mumford & Sons oder eben Robbie Williams verdrängt – lässt erahnen, dass hier etwas Größeres im Schwange ist.

Die Gründe für Buggs Erfolg sind vielschichtig. Der wichtigste: Einen Typ wie ihn hat es lange nicht gegeben. Bugg trifft einen Nerv, erfüllt eine Sehnsucht, deren Vorhandensein nicht offensichtlich war. Denn das Modell „zorniger junger Mann mit Gitarre“ spielt seit langem keine Rolle in der britischen Popmusik. Sicher, es gibt auf der Insel von James Blunt bis Ed Sheeran eine Menge erfolgreicher Singer-Songwriter. Aber die verkörpern den Typus „Schwiegermuttis Liebling“ und sind somit kaum geeignet, der aufsässigen Jugend (oder bei Älteren: der Erinnerung daran) eine Stimme zu verleihen. Bugg ist der Held all jener, denen die Dominanz elektronischer Popmusik in den britischen Charts suspekt ist, die aber erkennen, dass der Gitarrenpop der nuller Jahre, also von Bands wie Franz Ferdinand, Libertines oder Kaiser Chiefs, irrelevant geworden ist. So könnte Bugg für seine Genreschublade eine ähnliche Bedeutung bekommen wie Adele als Verkörperung der virtuosen Frauenstimme.

Auch wenn Jake Bugg ein Homunkulus der Plattenindustrie wäre (was er allem Anschein nach nicht ist), hätte man ihn nicht besser erfinden können: Bugg, der eigentlich Jacob Kennedy heißt, ist ein auf abgerockte Weise attraktiver Teenager mit authentischem Unterschichts- Background, stammt er doch aus Clifton bei Nottingham, der einst größten Sozialbausiedlung Europas. Vom Habitus erinnert er an klassische Pop-Ikonen – an den jungen Keith Richards oder Liam Gallagher. Ein natural born rebel mit der richtigen Dosis jugendlicher Arroganz.

Und dann kommt der Bengel mit einer Musik daher, die eine Ohrfeige für alle Fortschrittsapologeten ist und Simon Reynolds Thesen von der Historisierung der Popkultur (Stichwort „Retromania“) zu bestätigen scheint. Stimmt bloß nicht. Denn obwohl jeder Song klingt, als hätte er auch vor 40 Jahren entstehen können, schafft sich Bugg seine eigene Gegenwart, nach dem Motto: Der Boden, auf dem ich stehe, ist meiner. Völlig egal, ob schon Tausende dort langgelatscht sind – so wie ich hat es noch keiner getan.

Eine solche Anmaßung, die man sonst eher aus dem Hip-Hop kennt, muss natürlich mit Substanz gefüllt werden. Der räudige Folk-Opener „Lightning Bolt“ tut genau das: Bugg raspelt mit nasaler Stimme Verse, die das beschleunigte Lebensgefühl seiner Altersgruppe artikulieren. Dazu schrappt er seine drei Akkorde auf der Akustischen, irgendwann kommt ein rumpelndes Schlagzeug dazu, ein kurzes Gitarrensolo – fertig. In zweieinhalb Minuten lässt Bugg diesen Blitzschlag ins Gebälk der trägen Popkultur krachen. Natürlich wird der historisch bewanderte Hörer Bezüge herstellen. Zu Billy Bragg, zum frühen Dylan, zu Woody Guthrie. Dieses Spiel kann man beliebig wiederholen: Auf „Two Fingers“ schlängelt sich Bugg wie Marc Bolan durch den Text, „Taste It“ klingt wie Arctic Monkeys ohne Stromgitarren, der „Country Song“ ist eine Ballade im Donovan-Gedächtnis- Modus, „Note To Self“ lässt mit luftigem Streicherarrangement an Nick Drake denken, und „Seen It All“ ist mit seiner erhabenen Melodik die Sorte Hymne, die Oasis seit über 15 Jahren nicht mehr gelingt.

Jake Bugg eignet sich all diese Ausdrucksformen mit einer Selbstverständlichkeit an, als würde er sie gerade erfinden. Seine Glaubwürdigkeit bezieht er aus der Intensität seines Vortrags, seines vorzüglichen Gesangs und seines archaischen Gitarrenspiels. Und aus den Texten, die poetisch, präzise und irritierend altklug sind. Wenn er in „Two Fingers“ das Wiedersehen mit den alten Kumpels in Clifton besingt („the best people I could ever have met“), sehnt er sich ein paar Stücke weiter in „Trouble Town“ danach, den Absprung zu schaffen („the only thing that’s pretty / is the thought of getting out“). Er singt übers Saufen, Rauchen, über Sex und Crime, über Euphorie und Perspektivlosigkeit, ohne zu glorifizieren oder in Larmoyanz zu verfallen.

Ein perfektes Debüt? Beinahe. Ein bisschen was gäbe es zu nörgeln. Etwa, dass Bugg als Balladensänger nicht ganz so überzeugend wirkt, sondern eher wie einer, der sich eine Rolle antrainiert. Daraus ergibt sich, dass einige der mit 14 Stücken etwas zu langen Platte redundant wirken. Hat man aber das Glück, die momentan vergriffene Vinylausgabe zu besitzen, kann man sich damit behelfen, einfach nur die erste Seite aufzulegen: Das ist dann wirklich eine der beeindruckendsten Abfolgen grandioser Songs, die man seit langem gehört hat.

Natürlich ist es vorstellbar, dass die Plattenfirmen auf diesen Zug aufspringen und in nächster Zeit ganz viele Jake- Bugg-Klone in die Spur schicken. Doch bei aller Manipulierbarkeit hat sich der Popmarkt in England ein Gespür für künstlerische Einzigartigkeit bewahrt. So dürfte Jake Bugg, egal ob dies der Beginn einer großen Karriere wird oder eine Momentaufnahme bleibt, seinen Status als authentische Stimme seiner Generation wahren. Eine zweite Adele gibt es schließlich auch nicht.

„Jake Bugg“ erscheint am 25.1. bei Universal. Konzert: 18.3. , Postbahnhof Berlin.

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