Porträt : Die hohe Kunst der Untertitel

Von wegen einfach übersetzen: Filme mit Texten zu versehen, ist Präzisionsarbeit.

Katja Reimann

In seinem Leben habe er schon mehr als 10 000 Filme gesehen, sagt Gerhard Lehmann, lehnt sich entspannt in seinem Stuhl zurück und lächelt. 10 000 Filme! Und dabei ist er erst 59 Jahre alt. Auf dem großen Schreibtisch in seinem Büro stehen nicht nur ein Computer, sondern auch ein Fernseher und ein Videorekorder. Vor 45 Jahren machte er in Berlin eine Ausbildung zum Filmkopierer, seitdem dreht sich sein Leben um Videos und Filmgeschichte. Und vielleicht, so denkt man, sind 10 000 Filme gar nicht so unrealistisch. Immerhin sieht Lehmann Filme von Berufs wegen.

Seit 25 Jahren schon kümmert sich die „Film- und Video Untertitelung Gerhard Lehmann AG“ um eben das, was der Name schon sagt: Sie fertigt Untertitel für Filme und Videos, in mehr als 40 Sprachen. Zunächst im Rheinland, seit sieben Jahren nun in Potsdam-Babelsberg. Auch in diesem Jahr bearbeitet Lehmanns Unternehmen wieder Filme für die Berlinale. Etwa 40 sind es insgesamt, acht davon sind sogar Wettbewerbsfilme, zum Beispiel „Feuerherz“ von Luigi Falorni, die chinesische Produktion „Sparrow“ von Johnnie To oder der amerikanische Film „Fireflies in the Garden“ mit Julia Roberts und Willem Dafoe.

Gerhard Lehmann beschäftigt 20 feste und etwa 300 freie Mitarbeiter, die meisten der Freien arbeiten am heimischen Computer und mit einer speziellen Software, die Lehmann Anfang der 90er Jahre selbst entwickelt hat. Die Filme laden sich die Mitarbeiter vom Server des Unternehmens herunter – zur Sicherheit jedoch nur in schlechter Qualität. Schließlich soll kein Film vor seinem offiziellen Erscheinungstermin schon irgendwie ins Internet geraten. Um einen 90 Minuten langen Film mit Untertiteln zu versehen, brauchen die „Untertitelbearbeiter“ etwa eine Woche, bezahlt werden sie nach bearbeiteten Filmminuten.

Für die Arbeit der Übersetzer wird jedes Filmbild mit einem sogenannten Timecode ausgezeichnet. Dieser Code steuert die Untertitel und stellt sicher, dass die Worte genau dann erscheinen, wenn die Charaktere sprechen – auf dem Computerbildschirm läuft die Zahlenfolge am oberen Bildrand mit. Ein Lektor kontrolliert die Untertitel auf Übersetzungsfehler, Ungenauigkeiten und auf Verständlichkeit.

In einem der Arbeitszimmer sitzt Veronika Schlicht vor dem Bildschirm und überprüft die Untertitel für „Feuerherz“. Die 28-Jährige ist Praktikantin im Lektorat und arbeitet konzentriert. Das muss sie auch, denn der Bildschirm vor ihr ist dreigeteilt: Dort laufen nicht nur die Timecodes und Filmbilder, sondern parallel darunter auch eine Tonfrequenz- Kurve und daneben die Untertitel im Textformat. Wenn das Lektorat alles überprüft hat, wird die bearbeitete Filmversion zurück an Produzent und Regisseur geschickt. Sind auch die einverstanden, kann eine richtige Filmkopie mit Untertiteln erstellt werden. Für die Kinoversion brennt ein Laser die Untertitel in die Filme aus Polyestermaterial.

An den Filmen für die Berlinale hat Lehmanns Team bis kurz vor deren Vorführung gearbeitet, eine „Untertitelung“ kostet zwischen 3000 und 3500 Euro. Oft würden für einen Wettbewerb erst unvollständige Zwischenfassungen eingereicht. „Wenn der Schnitt sich nochmal ändert, plötzlich laute Musik einen Sprecher übertönt oder eine Erzählerstimme verschoben wird, haben wir hier ein Problem“, sagt Lehmann.

„Untertitelbearbeitung ist keine eins zu eins Übersetzung“, erklärt er. Das Wichtigste sei, sich kurz zu fassen und dennoch nicht den Sinn des Films zu entstellen. Das sei mal mehr, mal weniger schwer, je nachdem aus welchem Land der Film komme. Italiener zum Beispiel redeten schnell und viel, Koreaner hingegen schwiegen in Filmen häufig lange. Manchmal werde die Hälfte des im Film Gesagten herausgekürzt. Maximal seien zwei Zeilen mit je 40 Anschlägen als Untertitel technisch möglich, etwa vier Sekunden benötige der durchschnittliche Kinobesucher um diese Zeilen zu lesen.

Schwierig wird es für die Übersetzer vor allem bei Witzen und Redewendungen. Immerhin sollen auch deutsche Zuschauer über einen lustigen arabischen Dialog lachen und ein englisches Sprichwort richtig verstehen können. Bestes Beispiel ist „The early bird catches the worm“, was mit „Morgenstund hat Gold im Mund“ übersetzt wird. Irgendwie, so sagt Gerhard Lehmann, sei die Untertitelbearbeitung eben auch eine Art kultureller Vermittlungsarbeit. Ganz anders als die Synchronisation, durch die zwar jeder den Film verstehen, aber niemand sich mit der Originalsprache auseinandersetzen könne.

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