Kultur : Post von Goethe

Iring Fetscher

Seit dem Ende der deutschen Teilung ist das Antiquariat J. A. Stargardt wieder in Berlin, wo es 1830 gegründet wurde. Die diesjährige Herbstauktion verspricht ein besonderes Ereignis zu werden: Zur Versteigerung kommt unter anderem die umfangreiche Autographensammlung von Max Warburg, dem jüngeren Bruders des bekannten Kulturwissenschaftlers Aby Warburg. Vor allem in der Abteilung Literatur, die etwa ein Drittel des Angebots umfasst, sind zahlreiche, oft noch unveröffentlichte Autographen aus dem Besitz der Familie Warburg verzeichnet. Durch seine Heirat mit Alice Magnus kam eine beträchtliche Kollektion von Handschriften in den Besitz des Bankiers Warburg, der diese bis zu seinem Tod 1946 erweiterte. Besondere Aufmerksamkeit verdienen die zahlreichen Briefe und Manuskripte, die sich auf die Emanzipation der Juden im 19. Jahrhundert beziehen. Charakteristisch ist ein Brief des von Fichte und Hegel inspirierten Denkers Moritz Carrière, der 1841 einer jungen Dame - auf Wunsch Bettina von Arnims - über seine "warme Teilnahme" an der "Sache der Juden" berichtet und sich gegen einen Verdacht von Salomon Steinheim verteidigt, der ihm offenbar antisemitische Vorurteile unterstellt hatte (Taxe 600 Mark).

Drei eigenhändige Schreiben Bettina von Arnims (Taxen zwischen 800 und 3000 Mark) gewähren Einblicke in ihr Privatleben. Amüsant ist etwa der Brief an Ludwig Tieck, in dem sie fragt: "...sind Sie kriegerischer Natur dieß einzige mögt ich nur wissen, wegen gewißen Ursachen, ob sie nehmlich im Stande sind ein Gewehr ohne Zittern abzuschießen, oder gehen Sie lieber mit Bogen und Pfeil um, weil es nicht knallt".

Goethe und die Seinen sind mit 32 Losen vertreten, darunter aus der Sammlung Warburg ein Brief Anna Amalias an den Kriegsrat Johann Heinrich Merck in Darmstadt, den sie zur Abfassung einer Reisebeschreibung ermuntert (Taxe 1600 Mark). Zu den seltensten Autographen gehört ein Brief Franz Kafkas an Werfel, der vermutlich nicht abgeschickt wurde (Taxe 40 000 Mark). Eine etwas dümmliche Persiflage von Goethes "Über allen Gipfeln is Ruh" von der Hand Heinrich von Kleistes ist bisher noch nicht veröffentlicht worden (Taxe 25 000 Mark). Thomas Mann ist mit sieben Autographen gut vertreten, Eduard Mörike mit einem Gedicht und zwei Handschriften (Taxen zwischen 500 und 2500 Mark) aus der Warburgschen Sammlung, ebenso ein Gedicht und drei Handschriften von Wilhelm Müller (zwischen 600 und 800 Mark), den die Warburgs offenbar besonders geschätzt haben. Rührend ist ein imaginärer Geburtstagsbrief von Novalis an dessen verstorbenen Bruder Erasmus (Taxe 30 000 Mark) "mit einigen Abweichungen" von der publizierten Fassung, ebenso wie der sprachphilosophische Monolog des gleichen Autors (Taxe 60 000 Mark), der zu den Glanzpunkten der Warburgschen Kollektion gehört.

Ein extrem seltenes Briefmanuskript von Antonio Vivaldi an den Marchese Guido Bentivoglio in Ferrara (Taxe 150 000 Mark) kommt dagegen aus anderem Besitz. In der gleichen Abteilung sind sechs Lieder für vierstimmigen Männerchor von Mendelssohn-Bartholdy (Taxe 100 000 Mark) und ein Kondolenzbrief von Carl Philipp Emmanuel Bach an den Enkel Telemanns (Taxe 16 000 Mark) herausragende Angebote.

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