Kultur : Postheroisch

Eine neue Gesprächsreihe an der Deutschen Oper

Thomas Lackmann

„Soso“, sagt die Kassendame, als der Reporter des Blattes, das eine Spielplanselbstzensur der Deutschen Oper Berlin gerade ziemlich ausführlich aufgespießt hat, seine Pressekarte zur Eröffnung der neuen Reihe „Passagen – Repertoirebegehungen“ abholt. „Wieso soso?“ fragt der Reporter. „Soso heißt soso“, sagt die Dame; ein Bühnendialog, nicht einfach zu singen.

Kurz vor der Geisterstunde, nach dem finalen Pieps der „Zauberflöte“, trifft sich ein Dutzend Unerschrockener in der Kassenhalle. Trippelt, Brandschutztüren passierend, durchs Gebäudelabyrinth zur Tischlerei. Setzt sich zwischen einem blau erleuchteten Waggon und der Bandsäge vor einen Tisch mit Schraubstock, hinter dem zwei bescheidene Intellektuelle Platz nehmen. Der Moderator begrüßt den Filmemacher Christoph Hochhäusler und den Schriftsteller Wilhelm Genazino als „Vertreter des postheroischen Zeitalters“ zum Gespräch über „Menschliche Reife in künstlichen Räumen“. Poetische Szene. Lehrreicher Dialog. Aber Rauch- und Rotweinverbot: Für so viel Läuterung ist es zu spät.

Zur nächsten Passage (3.10., 15 Uhr) soll im Anschluss an die „Idomeneo“-Diskussion zwischen Opernintendantin Harms und Senator Flierl von dem Politikwissenschaftler Herfried Münkler und anderen „Die ,Ideomeneo’-Debatte und ihr Kontext“ gestemmt werden, Untertitel: „Ideen als Treibstoff der neuen Kriege?“ Da nimmt sich dieser Mitternachtsauftakt eher unpolitisch aus. Nur einmal rutscht dem Moderator raus, man könne auch mit „La Traviata“ (die, Bin Laden zu Gefallen, „Idomeneo“ im Spielplan ersetzen muss)vom Weg abkommen.

Hochhäusler und Genazino verkneifen sich die aktualisierte Reflexion. Der Filmemacher betont das Getriebensein durch Schicksalsmächte auch im postheroischen Zeitalter. Der „Zauberflöten“Plot – „ein Mann sieht einen Wurm und fällt in Ohnmacht!“ – sei schön unglaubwürdig. Die Texte seien nur Vorwand, im Singen realisiere sich „das reine Sein“. Der Dichter blickt auf die Entwicklung Taminos, welcher durchs Sehen zur Selbstindividuierung gelange; zugleich dringe Außenwelt in uns ein, so entsteht Weltanschauung. Hier geht es um „Beerdigung und Inthronisierung des Subjekts“, dessen Prüfung laute: das Gegenteil von sich selbst auszuhalten. Der Moderator resümiert, man sei „angenehm ins Offene“ gelangt und widerstehe nun der Versuchung weiterzumachen. Im Programmheft der „Zauberflöten“-Inszenierung von 1991 (!) heißt es, „als Synonym für die Gespaltenheit der Welt lasse der Regisseur einen Dolch vom Himmel fallen“. Intendanzen wechseln, Reiche zerbrechen, Institutionen machen postheroisch weiter: na ja.

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