Präsidentschaftswahl in Frankreich : Fröhliche Apokalypse

Droht ein Ende der deutsch-französischen Freundschaft? Der Schriftsteller Manfred Flügge über Michel Onfray, Marine LePen und die Hoffnung auf eine positive Wahl-Überraschung.

Manfred Flügge
Auch das ist Frankreich. Das Disneyland in der Nähe von Paris feiert am 12. April 25. Jubiläum.
Auch das ist Frankreich. Das Disneyland in der Nähe von Paris feiert am 12. April 25. Jubiläum.Foto: Andrea Warnecke,dpa

Vielleicht ist ja der französische Philosoph Michel Onfray der erste Cyborg der Geistesgeschichte. Das würde nicht nur erklären, warum er in dichter Folge immer umfangreichere Essays hervorbringt und überdies in allen Medien präsent ist, dazu landesweit in Vorträgen und Debatten. Es könnte auch erklären, warum er so unerschütterlich und ohne Spur von Zögern oder Nachdenken seine fließbandmäßigen Sätze abspult, über Politik, Philosophiegeschichte oder Lebensweisheit, obwohl doch in Frankreich eine große Zeit der Unsicherheit und der Selbstzweifel ausgebrochen ist. Dass er sich weiterhin für links, ja für besonders links hält, obwohl er europakritische, souveränistische und gelegentlich auch identitäre Positionen vertritt, wäre dann vielleicht einem Programmierfehler anzulasten.

Politisch herrscht im derzeitigen Präsidentschaftswahlkampf große Verwirrung, die bisherigen Lager erodieren, die Parteistrukturen, die in Frankreich nie sehr fest gefügt waren, implodieren, auf nichts und niemanden ist mehr Verlass, und alle Kandidaten der ersten Reihe sind auf ihre Weise Neulinge. Das könnte das Vorspiel kommender Umbrüche sein oder der Beginn einer Phase gefährlicher Instabilität, die auch die deutsche Politik berühren wird.

Michel Onfray kann das nicht erschüttern. Sein neuestes Werk beschwört eine Art fröhliche Apokalypse. In aller Seelenruhe erklärt der Epikuräer aus der Normandie, dass es mit der „jüdisch-christlichen Kultur“ vorbei sei, dass wir in einer Zeit der „Dekadenz“ leben (so sein letzter Buchtitel), dass die Titanic, auf der wir dahingleiten, den Eisberg schon gerammt hat und wir uns letzten Tänzen hingeben sollen (oder der Lektüre seiner Werke), bis dem Bord-Orchester die Luft ausgeht. Wozu also Politik, Reformen, Veränderungen, wenn es nur noch darum geht, stilvoll unterzugehen?

Bleibt Frankreich ein weltoffenes Land?

Frankreichs Selbstverständnis und seine Identität spielen in den jetzigen Wahlkampf hinein. Im Hintergrund schwelt eine Art Historikerstreit, angefacht durch den Überraschungserfolg des Kollektivwerkes „Histoire mondiale de la France“, das unter der Leitung von Pascal Boucheron, der am Collège de France lehrt, im letzten Januar erschien. Von Souveränisten und Identitätsfetischisten rechter wie linker Spielart wird diese Geschichte Frankreichs in welthistorischer Perspektive scharf angegriffen, nicht nur weil hier liebgewonnene Mythen des „nationalen Romans“ infrage gestellt werden, sondern weil das Spezifische der französischen Kultur verfehlt werde. Dahinter steckt die durchaus aktuelle Frage: Bleibt Frankreich ein weltoffenes Land oder soll es sich hinter dichten Grenzen verschanzen – in ökonomischer und geistiger Autarkie?

Die Außenpolitik spielt nur eine geringe Rolle in den Debatten der Kandidaten, aber der Wahlausgang hat große Bedeutung für Frankreichs Position in der Welt. Drei der fünf wichtigsten Kandidaten, allesamt Putin-Freunde, haben kein Problem damit, die Grenzen anderer Länder infrage zu stellen. Man müsse über die Grenzen der Nachfolgestaaten der Sowjetunion verhandeln, erklärte Jean-Luc Mélenchon in der ersten großen Fernsehdebatte, und Marine Le Pen wie auch François Fillon stimmten ihm zu. Sie wollen einen Weg finden, das Krim-Ukraine-Probleme aus dem Weg zu räumen, ganz im Sinne der russischen Machthaber. Dass sie damit eine gefährliche Debatte eröffnen, scheint ihnen gleichgültig zu sein.

Zweiter Wahlgang als Referendum für und gegen Europa

Die drei genannten sind europakritisch bis europafeindlich, aber wenn sie Europa sagen, meinen sie in Wahrheit Deutschland. Europa wird als fremde Macht betrachtet, die Frankreich ihre Regeln aufzwingt, und das natürlich im Interesse von Deutschland, so als hätte Frankreich nicht in Brüssel am Verhandlungstisch gesessen.

Die offizielle deutsche Politik muss sich natürlich aus dem französischen Wahlkampf heraushalten, aber es muss einem schon Sorgen bereiten, dass vordergründig oder untergründig Deutschland der Hauptfeind ist. Dass mit Marine Le Pen die deutsch-französischen Beziehungen, wie wir sie bisher kannten, nicht fortbestehen können, dürfte jedem klar sein. Sie hat eine realistische Machtperspektive, und selbst wenn sie es nicht schafft, wird es auf die Dauer nicht reichen, den Front National nur durch das Wahlrecht von der Macht auszuschließen. Spekuliert Marine Le Pen auf das Chaos, das nach ihrem Wahlsieg ausbrechen könnte, um eine nationalistische Agitation zu entfesseln?

Ein zweiter Wahlgang Le Pen – Macron, der im Augenblick als wahrscheinlich gilt, könnte sich in ein Referendum für und gegen Europa verwandeln und somit auch über die Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen. Der Front National spekuliert auf die Wiedergeburt der Negativ-Koalition, die im Referendum von 2005 die europäische Verfassung zu Fall brachte, mit Stimmen von rechts wie von links, ein Ereignis, dessen Folgen die deutsche Politik damals unterschätzt hat. Bei einem Erfolg dieser Richtung würde nicht nur Europa zerfallen, Deutschland würde politisch und diplomatisch isoliert dastehen in der Welt.

Auch Macron könnte sich kein "Weiter so" leisten

Die deutsche Politik sollte sich sehr wohl um das wachsende Ungleichgewicht zwischen beiden Ländern kümmern; die Einführung des Euro hatte doch gerade dies gewährleisten sollen. Vielleicht nützt es tatsächlich, wenn auch in Deutschland die politische Führung wechselt, einfach um die sich aufbauende Konfrontation zu entspannen und ein Gefühl von beiderseitigem Neuanfang zu vermitteln. Auch Macron könnte sich gegenüber Deutschland und in der Europa-Frage kein einfaches „Weiter so“ leisten.

Die historische Phase, die mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende der Sowjetunion begann, ist vorüber. Deshalb das Gefühl der Unsicherheit und der steigenden Bedrohung, deshalb auch verschränken sich aktuelle und historische Debatten.

Aber vielleicht überrascht Frankreich die Welt ja wieder einmal positiv und erfindet mit dem jüngsten Präsidenten aller Zeiten ein neues politisches System, jenseits der alten Parteiapparate. Den philosophierenden Maschinenmenschen wird gewiss auch dazu etwas einfallen.

Von Manfred Flügge, der 1946 in Dänemark geboren wurde, erschien zuletzt als E-Book bei Rowohlt Rotation: „Brief an einen französischen Freund“. Er lebt als Schriftsteller in Paris und Berlin.

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