Kultur : Preisfrage

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SOTTO VOCE

Jörg Königsdorf verrät, was die Berliner am liebsten hören

Was glauben Sie wohl, welche Titel ganz oben auf der Hitparade der meistgeklauten KlassikCDs rangieren? Cecilia Bartolis lustvolle Koloraturen? Anne-Sophie Mutters Saitensprünge oder Andrea Bocellis Tenorgeschluchze? Von wegen, das sind zwar die meistgekauften (und vermutlich auch meistverschenkten) Tonträger, aber wenn es gilt, für die eigene Leidenschaft etwas zu riskieren, verkehren sich die Verhältnisse. Zeitgenössische Musik, vor allem Cage und Ligeti, versichern die Fachhändler, sind bei weitem das begehrteste Kulturdiebesgut – wenn diese Fächer in den Läden immer leer sind, liegt das nicht daran, dass sich das zahlende Publikum die Ware aus den Händen reißt, sondern einfach daran, dass mal wieder ein paar Musikstudenten oder kunstliebende Exzentriker mit weiten Manteltaschen, geräumigen Rucksäcken oder schweren Instrumentenkoffern vorbeigekommen sind.

Diese bemerkenswerte Ungleichverteilung von Kaufkraft und Zahlungsbereitschaft führt zwar dazu, dass der Fachhandel sich mit dem Nachbestellen der entwendeten Titel nicht gerade beeilt (was verständlich ist), aber so recht verurteilen möchte man diesen musikalischen Mundraub nicht. Denn die Ligeti-Langfinger sind nur ein weiteres Indiz für ein generelles Problem bei Konzerten mit Neuer Musik: Natürlich gibt es in dieser Stadt genug Enthusiasten für mikrotonale Experimente und aleatorisches Komponieren, nur können oder wollen die nicht viel Geld dafür ausgeben. Konkret heißt das: Natürlich könnte auch die letzte Vorstellung der Spielzeit, Ligetis „Grand Macabre“ , am Sonntag krachvoll sein, wenn die Komische Oper mit den Preisen heruntergehen würde. So wie sie es in der Vergangenheit schon mehrfach tat, um die Auslastung in den Sommermonaten zu erhöhen. Doch das bleibt ein Wunsch für die nächste Spielzeit.

Die Fans zeitgenössischer Musik findet man heute und morgen wahrscheinlich eher im Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße , wo Musik für präpariertes Klavier von Cage, Kagel und Co. auf dem Programm steht. Für ganze drei Euro.

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