Kultur : Preisverleihungen: Ich bin o.k., du bist o.k. (Glosse)

Gregor Dotzauer

Alle dreieinhalb Minuten, nein: alle zwei Minuten, nein, um Himmelswillen, jetzt drehen die Nachrichtenagenturen völlig durch, alle dreißig Sekunden (Stand: Frühsommer 2000, 14.23 Uhr) gelangt eine neue Preismeldung aus dem Kulturbetrieb an die Öffentlichkeit. Darunter finden sich so aufregende Nachrichten wie die Entscheidung der Stadtverwaltung Bad Flüstern / Oberes Rüsselland, dem notleidenden Dichter Eberhard von der Kuhweide die Anschaffung einer Heizsonne zu ermöglichen, die ihm sein 2000-seitiges Versepos über die moralische Verdunklung der Welt im Angesicht der fortschreitenden Gottlosigkeit zum bitteren Ende bringen hilft. Dann gibt es Auszeichnungen wie den letzten Konrad-Adenauer-Preis an den Historiker Ernst Nolte, um der öffentliche Meinung mal so richtig eine reinzuwürgen. Es galt, zur rechten Zeit noch einmal festzuhalten, dass es ohne die verbrecherischen Kommunisten die Nazis nie gegeben hätte. Aber letztlich geht nichts über den mit 40 000 Mark dotierten Ludwig-Börne-Preise - alle Jahre wieder.

Der Börne-Preis preist in besonderer Weise auch den Preisrichter - schon weil der ganz alleine seines Amtes waltet. So bestätigt ein ungewöhnlicher Mensch einem noch ungewöhnlicheren Menschen, dass er publizistisch im Dienst der Aufklärung (und im Geiste Börnes) unterwegs ist. 1993, im ersten Jahr des Preises, verfiel Marcel Reich-Ranicki, wie aus gegebenem Anlass im Tagesspiegel vom 6. 5. 99 zu lesen war, "nach einer ungenannten Zahl schlafloser Nächte auf Joachim Kaiser, was sich spätestens zwei Jahre später auszahlte, als Klara Obermüller wiederum Marcel Reich-Ranicki erkor". In den vergangenen Monaten hat nun Frank Schirrmacher mit sich gerungen und ist auf Rudolf Augstein als diesjährigen Börne-Preisträger gestoßen. Zum tieferen Verständnis: Frank Schirrmacher ist der Herausgeber des FAZ-Feuilletons, in dem das schöne alte "Kraftwerk"-Lied "Wir sind die Roboter" gerade in bahnbrechende Essays konvertiert wird. Und Rudolf Augstein ist der "Spiegel"-Herausgeber, der noch mit den längsten und verschwurbeltsten historischen Riemen jedes aktuelle Thema vom Titel verdrängt. Die Blätter sind einander nicht gerade freundlich gesinnt. Aber unter Männern, lässt sich daran lernen, geht immer was: Ich bin o.k.. Du bist o.k.. Und jetzt verklickern wir das der ganzen Republik.

Noch weiß niemand, wie die Sache mit dem Börne-Preis im nächsten Jahr ausgeht. Das heißt: Eigentlich gibt es nur eine Möglichkeit. Aus dem redaktionseigenen Kaffeesatz kann man folgende Paarung ganz deutlich herauslesen: Hermann F. Gremliza ("Konkret") kürt seinen langjährigen Hasspartner Theo Sommer ("Die Zeit"). Wetten, dass?

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