Kultur : Prekäres Glück

HEINRICH AUGUST WINKLER erzählt die „Geschichte des Westens 1914 – 1945“

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Geschichte ereignet sich stets im Hier und Jetzt. Von hier und jetzt aus wird beurteilt, was vergangen ist. Die Vergangenheit hat ihren Sinn in der Orientierung auf Heute und Morgen. Heinrich August Winkler jedenfalls, der emeritierte Neuzeithistoriker der Berliner Humboldt-Universität, hätte gegen eine solch apodiktische Festlegung nichts einzuwenden. Gern mischt er sich in die politischen Tagesdebatten ein und verteidigt, was ihm als Kern europäisch-atlantischer Entwicklung und damit als Essenz deutscher Geschichtserfahrung gilt: dieses, wie er es nennt, „normative Projekt des Westens“.

„Westen“, das sind die Menschen- und Freiheitsrechte der Jahre 1776 und 1789, denen Winkler globale Gültigkeit zuschreibt. Er bemisst den Zustand eines Landes am Abstand, den es von der Verwirklichung der westlichen Konzeption trennt. Oder genauer: noch trennt. Denn dass der Graben zugeschüttet werden muss, ist das unverrückbare Axiom, an dem Winkler seine teleologische Geschichtssicht ausrichtet. Deutschlands langen „Weg nach Westen“ hat er in zwei Bänden beschrieben, seither greift er auf die größere „Geschichte des Westens“ aus. Der zweite Band seiner „Westen“-Geschichte ist erneut zu einer großen Geschichtserzählung angelsächsischer Formulierungskunst gereift. Darin beschäftigt sich Heinrich August Winkler mit der dunkelsten Periode Europas, die nicht nur die dunkelste Deutschlands in diesem 20. Jahrhundert ist – mit zwei Weltkriegen und ihrem Intermezzo.

Den „zweiten Dreißigjährigen Krieg“ sieht Winkler in dieser Epoche von 1914 bis 1945 – das kann man so stehen lassen. Auch wenn der Charakter beider Weltkriege – von der Zielsetzung, der Durchführung und ihren Begleiterscheinungen her – grundverschieden ist. Dem gilt Winklers Erkenntnisinteresse weniger. Ihm geht es um das Wertesystem des Westens, von dieser Warte muss das Trio der europäischen Diktaturen – in der Reihenfolge ihres Auftretens Italien, Sowjetrussland und Deutschland – als Verkörperung einer „Ausnahmezeit“ erscheinen. So urteilt Winkler über das „Projekt“ von 1917, es sei „der bisher radikalste Gegenentwurf zum normativen Projekt des Westens“.

Was aber besagt das? Winkler verliert sich nicht in Definitionen, sondern erzählt ohne Hast, doch eiligen Schrittes die Geschichte seiner drei Jahrzehnte. Man muss im Materialgebirge nach den scheinbar kleineren Erhebungen suchen, um fündig zu werden: so im Kapitel über US-Präsident Wilsons vergebliche „vierzehn Punkte“, denen Winkler „weltgeschichtlichen Rang“ attestiert. Winkler hütet sich vor Kritik an seinen Bannerträgern des Westens. Aber dass der siegesdurstige Clemenceau oder der Italo-Chauvinist Orlando auf die schöne Idee vom „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ keinen Pfifferling gaben, wird auch in den nüchternen Textstellen deutlich.

Dieses Lavieren zwischen Begeisterung für westliches Denken und dem Konstatieren jeweiliger kleingeistiger „Realpolitik“ kennzeichnet Winklers Epochenbildnis. Im Nahblick verschwimmt das hehre „Projekt“ in bloßer Taktik. Es bleibt als Fernziel, als Leitbild lebendig

Die Frage Winklers aber – „Wie es dazu kam, dass ein Land, das kulturell zum Westen gehörte, sich dem normativen Projekt des Westens so hartnäckig verweigern konnte, dass es darüber sich und die Welt in eine Katastrophe stürzte“ – muss leidlich unbeantwortet bleiben. Denn nicht „ein Land“ verweigert sich, sondern seine politische Klasse. Für die Elite in Deutschland hatte, ob 1919 oder 1933, der westliche Weg keinen Glanz, der über die Schmach des Spätherbstes 1918 hätte hinwegstrahlen können.

Es begann, wofür sich Winkler am Ende seiner 1200-Seiten-Erzählung bei Dan Diner die „Metapher des Weltbürgerkriegs“ ausborgt – als ob der Begriff nicht aufs Engste mit dem Namen Ernst Nolte verbunden wäre, den Heinrich August Winkler zu erwähnen sich versagt. Das ist, mit Verlaub, kleinkariert. Es ändert doch nichts daran, dass das „Projekt des Westens“ ein wunderbarer, pflegenswerter Glücks- und Sonderfall ist Und wie alles Glück sehr prekär, was uns Zeitgenossen erst lange nach dem vermeintlich endgültigen Sieg von 1989/90 schmerzhaft aufgestoßen ist.

Heinrich August Winkler: Geschichte des Westens.

Die Zeit der Weltkriege 1914 - 1945.

C.H. Beck Verlag,

München 2011.

1350 Seiten, 39,95 €.

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