Premieren am Berliner Ensemble : Paula haut auf den Putz

Neu am Berliner Ensemble: Wallace Shawns schwarze Komödie „Evening at the Talk House“ und „Die Frau die gegen Türen rannte“ - ein furioses Solo mit Bettina Hoppe.

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Volle Pulle. Bettina Hoppe spielt „Die Frau die gegen Türen rannte.“
Volle Pulle. Bettina Hoppe spielt „Die Frau die gegen Türen rannte.“Foto: BE/Hupfeld

Backstage-Komödien sind meist das Schwerste. Das liegt daran, dass Schauspieler, wenn sie Schauspieler spielen, um Klischees kaum herumkommen. Außerdem tendiert das Backstage-Genre in der Regel zum Tragischen. Man muss auf der Kippe agieren, das Grobe subtil machen.

„Evening at the Talk House“ ist so ein Stück. Wallace Shawn, selbst Schauspieler im Film und im Theater, ein wild melancholischer Charakter, trommelt ein paar Künstler zusammen, die sich zehn Jahre zuvor in einer Bühnenproduktion getroffen haben. Die erweist sich in der Erinnerung eher als Flop. Eine normale New Yorker Geschichte: Schauspieler können nicht von ihren Gagen leben, Bühnenautoren wandern zum Fernsehen ab, und ihre alte Stammkneipe ist pleite.

Weder komisch noch politisch

Im Kleinen Haus des BE steht das Gerippe einer Bar (Bühnenbild: Volker Hintermeier). Im Schummerlicht geistern Gestalten ungeschickt herum und treten ein, wenn ihr Name aufgerufen wird. Robert, der Dramatiker und jetzt Drehbuchschreiber, eröffnet den „angenehmen Abend“, den sie sich hier machen wollen, mit einem Monolog. Tilo Nest (im Smoking) zeigt schon äußerlich an, dass es ihm recht gut geht, materiell jedenfalls. Aber er wirkt unruhig, fahrig – was wird die Wiederbegegnung bringen?

Erst einmal kommt zäher Dialog. Und nach und nach erwartbare Aggressivität. Typenparade: Wolfgang Michael als maliziöser, aus der Beobachtung zubeißender Schauspielstar, Sina Martens als Kellnerin, die weder in der Liebe noch im Schauspiel Glück hatte. Neuerdings arbeitet sie als Targetterin – dabei werden „gefährliche Individuen“ denunziert und getötet.

Wallace Shawns „Talk House“, 2015 uraufgeführt, zeigt eine von Populismus und Paranoia getriebene US-Gesellschaft. Johanna Wehners Regie schafft es aber überhaupt nicht, die Monster herauszustellen, die Shawns trumpistischen Albtraum bevölkern. Die Gescheiterten sind harmlose, skurrile Spinner, Amerika ist weit weg, und unsere Theaterleute kennen solche Nöte nicht. So wird der Abend nix. Weder komisch noch politisch.

Gut, dass Hoppe wieder in Berlin angedockt hat

Am BE gibt es derzeit eine Premierenflut mit Neuproduktionen und Übernahmen vom Schauspiel Frankfurt. Auch „Die Frau die gegen Türen rannte“ entstand an der früheren Wirkungsstätte des neuen Intendanten Oliver Reese. Er hat das einstündige Solo – nach dem Roman von Roddy Doyle – mit Bettina Hoppe in Szene gesetzt. Es ist schon einmal eine gute Nachricht, dass diese Schauspielerin wieder in Berlin angedockt hat.

Sie nimmt das Kleine Haus im Sturm. Vor einer weißen Fotoleinwand wühlt sie in der Lebensgeschichte der Paula Spencer, als wäre es eine Comedy-Nummer. Schnäppchen, Schlussverkauf. Dublin, Unterschicht. Vier Kinder, findige Alkoholikerin, der Mann ist erst fort und dann tot. Von der Polizei bei einem Kidnapping erschossen. Paula verdient ihr weniges Geld mit Putzen, und das einzig Gute an ihrer Einsamkeit ist, dass sie der Mann, den sie sehr geliebt hat und vielleicht immer noch liebt, nicht mehr schlagen kann. Daher der Titel: Paula gibt an, dass sie sich an einer Tür verletzt habe ...

Eine im Alltag funktionierende Katastrophe

Paula liebt „Sugar Baby Love“ von den Rubettes. Sie ist 39 und am Ende, und da beginnt das Theater. Bettina Hoppe gewinnt aus der maximal schrecklichen Lage eines zerstörten und zerstörerischen Lebens eine sagenhafte Kraft. Sie ist witzig, ordinär und von einer Energie getrieben, die sie gerade noch unter Kontrolle hat. Eine im Alltag funktionierende Katastrophe. Im Schnelldurchlauf.

Seit sie zwölf ist, wird Paula „Schlampe“ genannt, das bleibt kleben. Etwas Licht in diesen endlosen Tunnel bringt die 18-jährige Tochter, die möglicherweise eine Chance hat. Paula spricht über Sex wie eine Dichterin – mit zarten Worten und brutalen Ausdrücken. Hier gelingt der Transfer: Paula lebt in Frankfurt an der Oder und in Frankfurt am Main. Sie ist eine entfernte Verwandte der Joyce’schen Molly Bloom. Und sehr von hier.

„Die Frau die gegen Türen rannte“, 14. und 30. 11.; „Evening at the Talk House“, 25. 10. und 25., 26. 11.

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