Kultur : Preußen: Auf Spurensuche

Günter de Bruyn

Diejenigen Stätten Preußens zu finden, die an seine Könige erinnern, ist relativ leicht. So weit sich der Staat zeitweilig auch in östlicher und westlicher Richtung erstreckte, immer hat sein Zentrum in Berlin und Potsdam gelegen, und da Königsschlösser trotz schwerer Kriegs- und Nachkriegsverluste in den beiden Residenzstädten und in deren Umgebung erhalten blieben, leitet uns jeder Kunst- und Reiseführer zu den Bauten und Gärten, in denen die Friedrichs, die Wilhelms und Friedrich Wilhelms lebten. Und da die Kostbarkeiten, mit denen sie sich umgaben, schon immer als kostbar galten, wurden sie in den meisten Fällen auch sorgsam bewahrt.

Schwieriger, aber deshalb auch reizvoller, ist es dagegen, Erinnerungen an Menschen zu finden, die auf der sozialen Stufenleiter der Monarchie weiter unten rangierten und nicht in Schlössern, sondern in Bürgerbauten, Herrenhäusern oder Bauernkaten wohnten, die weniger sorgfältig gepflegt wurden und rascher verfielen, so dass man die von Ausnahmen bestätigte Regel aufstellen könnte: Je ärmer einer war, desto weniger Andenken an ihn blieben zurück.

Auch die Landschaften, die wir auf unseren Entdeckungsreisen durchqueren müssen, rufen in uns in erster Linie Erinnerungen an Könige wach. Es sind alles Kulturlandschaften, mit Äckern und Wiesen, Wäldern und Straßen, Gräben und Kanälen, die in Jahrhunderten von Bauern, Forstleuten und Wasserbaumeistern geschaffen und erhalten wurden, uns aber oft nur an die Könige denken lassen, deren Verdienst es war, die Kultivierungen veranlasst zu haben, wie beispielsweise Friedrich der Große die Trockenlegung des Oderbruchs. Die ausgedehnten Wälder, die sich von Königs Wusterhausen aus ostwärts erstrecken, erinnern an den Jagdeifer des Soldatenkönigs, die Schorfheide an Wilhelm II., und in den Wäldern hinter Fürstenwalde erkennt man noch heute die Stelle, an der der erste preußische König, noch zu seinen kurfürstlichen Zeiten, den sagenhaften Riesenhirsch, den so genannten Sechsundsechzigender, erlegte; ein Denkmal zeugt noch heute davon. In Paretz wird man an die glücklichen Tage der hochverehrten Königin Luise, in Gransee an ihren Tod erinnert. In Rheinsberg ist das Gedenken an den Kronprinzen Friedrich lebendig und in Neuruppin das an Friedrich Wilhelm II., der die Stadt nach einem verheerenden Brand wieder aufbauen ließ.

Sucht man nun aber nach Spuren der nächsten sozialen Stufe, nämlich des Adels, so sind diese zwar überall noch erkennbar, doch ist es schon nicht mehr so leicht, ihnen zu folgen, weil die prächtigen Häuser, die die reicheren von ihnen in Berlin besaßen, im Laufe des vorigen Jahrhunderts den Stadtplanern zum Opfer fielen und die Adelssitze auf dem Lande, die nur manchmal schlossähnlich waren, aber von den Dorfleuten immer Schlösser genannt wurden, oft im Verfall begriffen oder nicht mehr vorhanden sind.

Ein trauriges Bild

Viele von ihnen waren in der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges zerstört worden, andere hatten die SED-Machthaber nach Enteignung und Vertreibung der Adligen abreißen lassen, und die Übrigen waren genutzt, aber selten gepflegt worden, so dass sie 1989 mehr oder weniger baufällig waren und heute, wenn kein Investor sich ihrer erbarmte, leerstehen und mit zerstörendem Schwamm in den Wänden vielleicht ihrem Ende entgegengehen.

Nur in Glücksfällen, wie wir einen in naher Zukunft in Neuhardenberg erleben werden, können wir bei unseren Entdeckungsreisen wiedererstandene Häuser und Gärten des Landadels finden. Meist aber muss man bei dem Versuch, von den Bredows, den Stechows oder den Arnims noch etwas zu finden, mit Enttäuschungen rechnen. Zwar sind in den ehemaligen Gutsdörfern die Adelssitze, oder zumindest deren Standorte, noch als solche zu erkennen, doch bieten sie häufig ein trauriges Bild. Oft fehlen die Herrenhäuser oder Teile von ihnen, die Parks sind verwildert, parzelliert oder ganz abgeholzt worden, Scheunen sind teilweise verfallen, von den Linden, die einst den Weg von der Kirche zum Herrenhaus säumten, sind lediglich noch Ruinen vorhanden, und nur ein geborstener Pfeiler zeigt an, wo früher die Einfahrt zum Gutsbezirk war.

Obwohl sie in ihre Besitzrechte nicht wieder eingesetzt wurden, sind Nachkommen von Familien, die 1945 enteignet und vertrieben worden waren, in ihre alte Heimat zurückgekommen und einige haben ihre Häuser zurückgekauft und wieder bewohnbar gemacht. Sonst aber findet man Spuren der berühmten Geschlechter, die Preußens Geschicke einst mitbestimmten, oft nur noch auf den Epitaphien an den Wänden der Dorfkirchen und auf Grabmälern der Friedhöfe, wo das Entziffern der Namen und Daten zur Lehrstunde über Preußens Geschichte und das Vergehen einer Kultur gerät.

Noch weniger materielle Erinnerungen als die Gutsbesitzer haben in den Dörfern die von ihnen abhängigen Bauern, Kossäten und Büdner zurückgelassen. Eine so aufwendige Friedhofskultur wie der Adel konnten sie sich nicht leisten, und die ärmlichen Lehmfachwerkhäuser, in denen sie in der Regel bis ins 19. Jahrhundert hinein lebten, waren ihrer Strohdächer wegen sehr brandgefährdet und hielten ihrer leichten Bauweise wegen den Jahrhunderten nur selten Stand. Auch änderte sich nach den Reformen, die die Landleute von ihrer Abhängigkeit befreiten und zu Landarbeitern oder selbstständigen Bauern machten, der Charakter der Dörfer. Auf den Gütern entstanden Brennereien, Ziegeleien und spezielle Arbeiterhäuser, und die wohlhabender werdenden Bauern bauten sich vor ihre vierseitigen Höfe massive Wohnhäuser, die dann das Bild der Dorfstraße bestimmten, teilweise bis heute noch.

Im Gegensatz zu den Städten, in denen man Häusern aus der Barockzeit noch häufiger begegnet, sind originale dörfliche Wohnbauten aus Preußens klassischer Zeit nur selten erhalten. Mal ist ein Stall aus dieser Zeit, mal ein Gasthof zu finden, und manchmal ist auch eins der bescheidenen Häuser vorhanden, die Friedrich der Große bei seinem Vorhaben der inneren Kolonisierung den Zuwanderern, zum Beispiel im Oderbruch, bauen ließ.

Orte, älter als der Staat

Damals entstanden viele neue Dörfer, die teilweise so leicht zu erklärende Namen wie Friedrichshof oder Friedrichshagen tragen, manchmal aber auch Neu-Boston oder Philadelphia heißen, was schon schwerer zu erklären ist. Sie als einzige sind wirklich preußische Orte, nämlich in Preußen geboren. Alle anderen, mitsamt ihren Kirchen und ihren Stadt- oder Dorfanlagen, sind älter als der preußische Staat. Die vielen Straßendörfer, mit oder ohne Anger, und die alten Stadtkerne, mit Marktplatz und gitterförmig angeordneten Straßen, stammen noch aus dem Mittelalter; und die Landstraßen wurden zwar spät erst gepflastert, verlaufen aber oft noch so wie in der Ritter- und Postkutschenzeit. Als unverwüstlich erwiesen sich die Grundmauern der aus Feldsteinen gefügten mittelalterlichen Kirchen, die Unwetter, Brände und Kriege überstanden und heute stabiler wirken als die im 18. Jahrhundert aus Lehm und Holz gebauten Fachwerkkirchen. Im Innern aber zeugen sie alle mit ihren nüchternen Kanzelaltären von preußischer protestantischer Rationalität.

Am häufigsten wird uns aber auf unseren Fahrten in Form von Bahnhöfen und Kasernen, von Chausseehäusern und neogotischen Kirchen, von Speichern und Fabrikgebäuden das Preußen des Industriezeitalters begegnen, das auch eines der Denkmalsbegeisterung war. Nicht nur in Berlin und Potsdam, sondern auch an vielen anderen Orten, so in Rathenow und Gransee, in Fehrbellin und Letschin, Dennewitz und Großbeeren, sind Beispiele dafür in Stein und Bronze zu finden. Und im Gegensatz zu den uns heute verordneten Erinnerungsstätten sind diese vaterländischen recht bescheiden und, wenn auch nicht immer geschmackvoll, so doch nie inhaltsleer.

Mit offenen Augen und ein wenig historischem Wissen kann man überall in ehemals preußischen Landen altpreußische Reliquien finden, und seien es auch nur Grabinschriften, die den Fleiß und die Bedürfnislosigkeit der Verstorbenen preisen, Maulbeerbäume aus Friedrichs Zeiten, eine Metalltafel, mit der sich eine Reiterschwadron von ihrem Garnisonstädtchen verabschiedet, oder ein einsamer Waldweg, der noch den alten Namen Poststraße oder auch Königsweg führt. Für solche Kleinentdeckungen, die die Kunstführer nicht verzeichnen, ist ein Ortskundiger nützlich, der sich in jedem Dorf finden lässt. Zu Fontanes Zeiten waren das vor allem die Pastoren und Lehrer, heute sind es eher die Ortschronisten, die uns manchmal die dreihundert Jahre seit der Selbstkrönung Friedrichs I. an Kleinigkeiten veranschaulichen können - in Dörfern wie Friedersdorf beispielsweise, wo uns Kirche und Friedhof mit der Geschichte der seit etwa dreihundert Jahren hier ansässigen Familie von der Marwitz zusammen die Geschichte Preußens verdeutlichen können, oder wie in Kossenblatt bei Beeskow, wo Reste des bäuerlichen, des adligen und des königlichen Preußens zu finden sind. Da gibt es ein Schloss, in dem Friedrich Wilhelm I., von der Gicht geplagt, seine Gemälde malte, davor das Herrenhaus derer von Oppen und am anderen Spreeufer ein dreihundert Jahre altes Haus mit so genannter schwarzer Küche, das bis zu seiner Kriegsbeschädigung im April 1945 noch ein Strohdach trug.

Der Name Zollbrücke erinnert an die früher hier verlaufende preußisch-sächsische Grenze, eine aufgegebene Ziegelei an die Industrialisierung. Und angesichts uralter Eichen, die hier vielleicht schon standen, als Preußen Königreich wurde, scheint uns die Vergangenheit ziemlich nah gerückt zu sein.

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