Kultur : Prince Charming

Auch Oper ist Entertainment: Als Intendant der Bregenzer Festspiele will David Pountney Kultur für alle bieten

Frederik Hanssen

Er wirkt wie aus dem Bilderbuch „Der perfekte Brite“ entsprungen: der Backenbart von Charles Dickens, der provozierende Optimismus in seinem Blick von Tony Blair. Gärtnern ist sein Hobby – aber sein kleines Reich liegt nicht auf der Insel, sondern drüben in Frankreich.

Mit seinem Charme würde David Pountney wohl jeden Wahlkampf gewinnen, sei es nun für die labour oder auch für die leisure party: Als Regisseur arbeitet er hart, viel und gerne, als Künstler sorgt er sich um die Unterhaltung der Massen. In Oxford geboren, in Cambridge ausgebildet, tourt der Engländer seit 1972 durch Europa, inszeniert von Zürich über London bis Wien an allen großen Opernhäusern. Und demnächst auch in Berlin: An der Deutschen Oper bringt er im April 2005 den klassischen double bill von Mascagnis „Cavalleria rusticana“ und Leoncavallos „I Pagiacci“ heraus.

Genau der richtige Stoff für David Pountney, der auf der Bühne Geschichten erzählen will. Von theaterinternen Wettkämpfen hält er wenig – er sieht sich vielmehr als Vermittler zwischen Komponist und Publikum: „Ich empfinde es als Privileg, für Leute zu arbeiten, die einer Oper erstmals begegnen. Diese Zuschauer sind offen, weil sie nicht ununterbrochen Vergleiche ziehen.“

Wie er da in der Halle des Grand Hotel Esplanade sitzt, erschöpft vom frühen Aufstehen, der Bauprobe in der Deutschen Oper und den drei vorherigen Interviews, könnte man es David Pountney kaum verübeln, wenn er sein Gegenüber mit Standardantworten abfertigen würde. Doch er ist ganz Ohr, seine Körperhaltung zeigt höfliche Entspanntheit. Doch er bleibt absolut aufmerksam.

Ob ihm der verregnete Sommer keine schlaflosen Nächte bereite – in seiner ersten Saison als Intendant der Bregenzer Festspiele mit allabendlich 7000 Besuchern auf der Freilichtbühne im Bodensee? „Ach, wissen Sie“, sagt er, und man glaubt es ihm wirklich, „ich kümmere mich nicht um Dinge, die ich nicht ändern kann“. Bislang habe man in jedem Jahr gezittert und dann doch nur sehr selten Vorstellungen absagen müssen. Um die großen Knaller auf der Seebühne macht er sich sowieso weniger Gedanken als um die vielen kleinen Veranstaltungen drumherum, die er jeweils unter ein Jahresmotto stellen will.

Diesmal ist es Kurt Weill. Im Festspielhaus inszeniert Nicolas Brieger die Weill-Einakter „Der Protagonist“ und „Royal Palace“. Neu ist die Bespielung des Kornmarkttheaters, einem vergleichsweise intimen 500-Plätze-Haus in der Stadt, das Pountney der Operette reserviert hat: Auch hier geht es um Weill, um seinen „Kuhhandel“, 1934 im Pariser Exil entstanden. Dazu gibt es zwei Konzerte mit Weill-Schwerpunkt und die Ballettpantomime „Die Zaubernacht“.

Dass Pountneys Ehrgeiz weniger auf den Publikumsmagneten Seebühne zielt als auf das Rahmenprogramm, mag daran liegen, dass er sich selber schon drei Mal bewiesen hat, dass er mit der Mega-Spielfläche umgehen kann: 1989 der „Fliegende Holländer“, 1993 „Nabucco“ und 1995 „Fidelio“. Besonders stolz ist er darauf, Harrison Birtwistles Musiktheaterwerk „The story of Io“ präsentieren zu können.

Kleine Fluchten eines Pragmatikers, der sich ansonsten den Spielregeln des internationalen Opernbusiness klaglos unterwirft. Dass er sich jetzt schon entscheiden muss, welche Werke er 2008 inszenieren möchte, weil Verträge bis zu vier Jahre im voraus abgeschlossen werden, akzeptiert Pountney: „Wir Regisseure sind wie Küchenchefs: Es gehen Bestellungen von 20 Tischen ein, hier muss ich die Vorspeise fertig machen, dort die Garzeit des Bratens kontrollieren, da den Nachtisch planen. Worauf es ankommt, ist, den Überblick zu behalten.“

Pountney ist keiner, der sich gegen das System mit seinen Auswüchsen auflehnt. Für seinen Job in Bregenz eine unabdingbare Voraussetzung. Schließlich müssen die Festspiele 80 Prozent ihrer Kosten selber an der Kasse einspielen. Die richtigen Rezepte dafür hat er zweifellos – was der Brite noch sucht, ist die passende Übersetzung für „Entertainment“: Der englische Begriff, der so einladend nach „please enter“ klingt, ist mit dem deutschen Wort „Unterhaltung“ einfach unzureichend übersetzt – weil die Betonung auf der ersten Silbe suggeriert, man amüsiere sich unter Niveau. Dabei, so empfindet es zumindest David Pountney, ist genau das Gegenteil der Fall: „Menschen, die sich gut unterhalten fühlen, hören gleichzeitig auch besser zu.“

Service: Bregenzer Festspiele bis 22. August. Infos: www.bregenzerfestspiele.com oder 0043/5574/4076

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