Kultur : Printemps de Bourges: Ein festes Bourges

Björn Döring

Das Rotweinglas reicht ihm der musikalische Direktor und Pianist seines Orchesters mit untertäniger Höflichkeit. Die Gitarre wird dem rüstigen alten Mann von einem Bühnenarbeiter um den Hals gehängt, ein zweiter setzt ihm den weißen Borsalino à la Sinatra auf das lichte Haupt und unterstreicht mit dieser wunderlichen Krönung, dass der 84-jährige Henri Salvador der wahre König der französischen Popmusik ist. Jedenfalls in Bourges, wo sich einmal im Jahr die Pop-Elite der Grande Nation zu einem Festival versammeln.

"Sie werden mich fragen, wieso ich in meinem Alter noch auf dem Printemps de Bourges spielen darf", schmunzelt Salvador seinen 4000 Fans entgegen. "Die Antwort ist: Ich habe mit den richtigen Leuten geschlafen." Die Würde seines Alters missachtend, gackert er, genießt die Pointe und setzt seine Zeitreise durch die Geschichte des Chansons fort, die er - wenn auch bisweilen verdeckt vom Schatten Gainsbourgs und Trenets - in den vergangenen sechs Jahrzehnten entscheidend geprägt hat.

Dennoch ist es erstaunlich, dass ausgerechnet Henri Salvador zu den Highlights des Festivals in dem zentralfranzösischen Provinzstädtchen zählt. Denn der Printemps de Bourges hat sich seit seiner Premiere vor 24 Jahren zur nationalen Leistungsschau des frankophonen Pop und damit zu einem der wichtigsten Ereignisse für die Jugendkultur in Frankreich entwickelt. Dessen Bedeutung wird sogar von der konservativen Tageszeitung "Le Monde" mit einer Sonderbeilage gewürdigt. Ausgestattet mit einem Budget von über 22 Millionen Francs (3,4 Millionen Euro), die zu 44 Prozent aus öffentlichen Mitteln stammen, fungiert das Festival als Trendbarometer. So zählt der Printemps de Bourges neben der Musikmesse MIDEM in Cannes und den Francofolies de La Rochelle zu den Pflichtterminen der französischen Musikindustrie, die in den vergangenen fünf Jahren außergewöhnliche Zuwachsraten zu verzeichnen hat. Wegbereiter für diesen Boom war die elektronische Clubmusik um Acts wie Air, Daft Punk, Cassius oder Etienne de Crècy, deren Verzicht auf Sprache einen internationalen Erfolg des "French Touch" überhaupt erst möglich machte.

Anders als die MIDEM ist der Printemps de Bourges aber nicht nur eine Plattform der Musikindustrie, sondern auch und vor allem ein Vorzeigeprojekt der französischen Politik. Denn im Gegensatz zu Deutschland gehört in Frankreich die Popkultur zu einem der wichtigsten Bereiche der nationalen, regionalen wie auch der auswärtigen Kulturpolitik. Das Fundament dieser Ausrichtung legte Jack Lang, der 1981 Kulturminister wurde und mit seinem Konzept des "Tout culturel" für eine - allerdings heftig umstrittene - Ausweitung des Kulturbegriffs auf die Bereiche der Popkultur sorgte.

Das 1977 begründete und zunächst der Traditionspflege verpflichtete Chanson-Festival erhielt eine neue Dynamik, als Jack Lang die multikulturelle Vielfalt der französischen Gesellschaft als Gegengewicht zur verhassten Amerikanisierung erklärte. Noch heute findet dies seinen Ausdruck in einer staatlich verordneten Quote, nach der mehr als die Hälfte aller im Radio gespielten Lieder französische Texte haben müssen.

Eine Front gegen McBurger

Pop und Politik haben eine gemeinsame Sprache gefunden, was vor allem dem klugen, wenn auch mit ideologischen Spannungen behafteten System der "animateurs", der Vermittler, zu verdanken ist. Kulturmanager wie Daniel Colling, Initiator des Printemps und nach wie vor sein Direktor, die als private Veranstalter enge Kontakte zur Politik pflegen, haben es sich zur Aufgabe gemacht, die von der Politik gewünschten Ziele mit ihren eigenen Interessen zu verknüpfen, ohne dass sich die kreative Szene dadurch instrumentalisiert fühlte und sich verschreckt zurückziehen würde. Eine Aufgabe, die Colling in der Vergangenheit bedeutend besser gelungen ist als mit dem diesjährigen Printemps de Bourges.

Zwar bot das Festival im Verlauf seiner sechs Veranstaltungstage erneut einen vielfältigen Querschnitt durch Pop, Rock, Hiphop, House, Chanson, Jazz und World Music, doch suchte man Neuentdeckungen vergebens. Der Hiphop gefiel sich in einer dekadenten, einfallslosen Variante, die großen Namen der elektronischen Musik waren nicht vertreten und World Music wurde deutlich beschnitten. Die französische Presse kommentierte dies wie auch die Konzertabsagen von Wyclef Jean, Vanessa Paradis und The Lyricist Lounge mit Schlagzeilen wie "Flop du Pop".

Auffälligste Tendenz des Printemps de Bourges 2001 war die Auseinandersetzung zahlreicher Pop-Künstler mit den Traditionen des Chansons. So greifen Yann Thiersen, Têtes Raides oder das Allstar-Ensemble 100 Prozent Collègues auf jenes Erbe zurück, das Musiker wie eben Henri Salvador zum nationalen Kulturgut gemacht haben. Und so ist es denn gerechtfertigt, dass der große alte Mann des Chansons zum König der französischen Popmusik gekrönt wurde.

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