Kultur : Privat gegen die Piraten

George Cypriano Bühler berichtet, wie man Schiffe gegen Angriffe schützt.

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Manche würden den Autor dieses Buches einen Söldner nennen. Er selbst bevorzugt die Bezeichnung privater Sicherheitsmann oder „Operator“. Und George Cypriano Bühler spricht offen aus, dass „der Security- Typ immer nur der gekaufte Soldat ist in einem Konflikt“. In Bühlers Gewerbe mit Erfolg: Bisher haben Piraten noch kein von privaten Sicherheitskräften begleitetes Handelsschiff in ihre Gewalt bringen können – eines der besten Verkaufsargumente für die privaten Anbieter von Militär- und Sicherheitsdienstleistungen. Das Containerschiff Maersk Alabama, dessen Kaperung durch Piraten in dem Tom- Hanks-Film „Captain Phillips“ nacherzählt wird, war gänzlich ungeschützt unterwegs.

Bisher begegnen Handelsschiffe der Gefahr eines Piratenüberfalls, indem sie private Sicherheitskräfte wie Bühler an Bord nehmen, bevor sie gefährliche Passagen wie am Horn von Afrika oder im Golf von Guinea durchfahren. Der Bundesverband Deutscher Wach- und Sicherheitsunternehmen schätzt, dass im Nahen und Mittleren Osten etwa 3000 deutsche „Private Security Contractors“ tätig sind; in Afrika sollen es rund 1000 sein. Gesucht werden vor allem ehemalige Fallschirmjäger, Militärpolizisten und Mitglieder der Eliteeinheit Kommando Spezialkräfte. Auch frühere Polizisten aus Spezial- oder mobilen Einsatzkommandos wie der GSG-9 sind in der Branche begehrt.

Bühlers Biografie passt in dieses Raster: Jahrgang 1977 verpflichtete er sich bei der Bundeswehr als Marineinfanterist. Seit 2009 ist er für internationale private Sicherheitsfirmen tätig und dabei zum „Teamleader“ aufgestiegen. Heute arbeitet er als Einsatzleiter für ein deutsches Unternehmen im Bereich der maritimen Sicherheit. Sein Buch ist ein Branchenbericht: über abenteuerlich anmutende Einsätze, Feuergefechte, Überraschungsangriffe von Piraten im Morgengrauen, Kompetenzgerangel an Bord und nicht zuletzt auch über die politische Dimension maritimer Sicherheitsarbeit.

Der Reiz an Bühlers Schilderungen ist, dass sie unaufgeregt daherkommen. Seine militärische Professionalität spiegelt sich auch in der Art und Weise, wie er über seine Tätigkeit in der privaten Sicherheitsbranche berichtet, selbst wenn es um lebensgefährliche Kämpfe mit Piraten auf hoher See geht. Gerade hier wirkt Bühlers Report besonders sachlich und nüchtern, geradezu analytisch. So verbindet er seine Erzählung geschickt mit dem Durchdeklinieren der „Rules of Engagement“, die ihm sein Unternehmen mit auf den Weg gibt. Diese Einsatzregeln gehen zurück auf den „Code of Conduction“, der Verständigung der größten Firmen aus der maritimen Sicherheitsbranche darüber, wie sich ihre Teams an Bord von Handelsschiffen im Verteidigungsfall verhalten sollen.

Bühler bezeichnet die „Rules of Engagement“ als defensiv formuliert. Denn sie schrieben zum Beispiel vor, dass grundsätzlich keine Gewalt angewendet und kein Mensch verletzt werden dürfe, solange das nicht die einzige Möglichkeit darstelle, das Leben der Besatzung des zu schützenden Schiffes zu retten. Den Piraten solle möglichst zu jedem Zeitpunkt die Chance zum Einlenken gegeben werden. Treffen Bühlers Schilderungen der eigenen Kampferlebnisse zu, haben sich er und auch sein Team an diese Regeln bisher gehalten. Doch eben dies ist nicht nur die Schwachstelle dieses Buches, sondern der gesamten privaten Sicherheitsbranche: Wer kann dem Leser, wer kann den Reedern der Schiffe einen seriösen Bericht über den Verlauf der Kampfeinsätze privater Sicherheitsunternehmen liefern? Die Branche selbst wohl kaum.

Und es macht mehr als skeptisch, wie Bühler seine Arbeit rechtfertigt: Wenn Diplomaten, Politiker oder Hilfslieferungen geschützt oder Waren durch die gefährlichen Gewässer vor Somalia transportiert werden sollten, dann müsse nun einmal jemand seinen Kopf dafür hinhalten. Das staatliche Militär könne und solle dafür nicht immer zum Einsatz kommen, zumal die Allgemeinheit nicht dafür zuständig sei, die Sicherheit der internationalen Handelsschifffahrt oder des Warentransportes an Land zu gewährleisten, geschweige denn, dafür zu bezahlen. Aus diesen Sätzen spricht nicht nur mangelndes Wissen über Sinn und Zweck des Staates an sich, sondern auch über die Geschichte der Pirateriebekämpfung.

Zum einen sind die modernen Nationalstaaten nicht zuletzt aus der Motivation heraus entstanden, die Allgemeinheit nach innen wie außen schützen und Gewalt staatlich monopolisieren zu wollen. In Europa ist dies im 17. Jahrhundert nach desaströsen Erfahrungen mit privatisierter Gewalt in Form von Söldnerheeren im Dreißigjährigen Krieg bereits einmal erfolgreich geschehen. Und auch im 21. Jahrhundert werden die Sicherung der Handelswege und die Bekämpfung von Piraterie weiterhin in erster Linie als hoheitliche Aufgaben verstanden.

Zum anderen lehrt die Geschichte der Bekämpfung der Seeräuberei von der Antike bis heute, dass entschlossenes Vorgehen von Staaten das beste Mittel gegen Piraterie ist. Dass dies auch heute große Wirksamkeit entfalten kann, hat sich in den vergangenen Jahren in der Straße von Malakka gezeigt. Dort ist die Zahl der Überfälle durch verstärkte Patrouillen staatlicher Sicherheitskräfte der Anrainer Indonesien, Singapur und Malaysia erheblich gesunken.

Umso mehr macht George Cypriano Bühlers irritierendes Plädoyer für den Einsatz privater Sicherheitskräfte deutlich, dass gewaltsame Auseinandersetzungen – ob staatlicher oder entstaatlichter Natur – zu wichtig sind, um sie der privatwirtschaftlichen Logik von Sicherheitsunternehmen zu überlassen. Auf ihren Einsatz sollte auch auf See verzichtet werden, zu sehr verfolgen private Sicherheitskräfte ihre eigenen Interessen und nicht die ihrer Auftraggeber – seien es Staaten oder Unternehmen. Daher sollte auch für die Sicherheitsstrukturen des 21. Jahrhunderts gelten: Staat vor privat. Thomas Speckmann





– George Cypriano Bühler:
Kampf

den Piraten.

Mein Einsatz unter fremder Flagge.

Econ Verlag, Berlin 2013. 281 Seiten, 18 Euro.

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