Propagandafotos in Karlshorst : Draufgänger in der Müllgrube

Ansichten des Zweiten Weltkriegs: Das Deutsch-Russische Museum in Karlshorst.zeigt Propagandafotografien von Benno Wundshammer. Er war kein Nazi, aber ein Opportunist der gefällige Heldenbilder lieferte.

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Les boches sont arrivés. Paris nach dem Einmarsch deutscher Truppen im Juni 1940.
Les boches sont arrivés. Paris nach dem Einmarsch deutscher Truppen im Juni 1940.Foto: Benno Wundshammer/bpk/Museum Karlshorst

Nähe ist die Voraussetzung für Porträtaufnahmen. Der Fotograf muss dem Menschen, den er abbildet, auf die Pelle rücken. Empathie aufbringen, vielleicht sich in ihn hineinversetzen. Die Bilder, die Benno Wundshammer im Oktober 1941 von sowjetischen Kriegsgefangenen aus dem Kessel von Wjasma gemacht hat, scheinen diese Kriterien zu erfüllen. Zu sehen sind Menschen, nicht Feinde. Ein bebrillter, ausgezehrt wirkender Politoffizier. Artillerieoberst Alexander B. in heldenhafter Untersicht. Die Rotarmistin Wera Sh. mit hochgeschlagenem Mantelkragen und Kurzhaarfrisur im Stil der „Neuen Frau“.

Doch Wundshammer benutzte die Fotos zu plumper Propaganda. In seinem Bericht „Menschen-Arsenal“ für die „Berliner Illustrirte Zeitung“ beschreibt er die Gefangenen als Menschenmassen, die „völlig unausgebildet“ als „lebendiger Wall um die Mauern von Moskau gelegt“ worden seien. Untermenschen eben.

Die Überlebenschancen für Rotarmisten in deutscher Gefangenschaft waren äußerst gering. Politoffiziere sollten nach dem berüchtigten „Kommissarsbefehl“ sogar unmittelbar nach ihrer Festnahme erschossen werden. Zu einem Foto, das einen in die Gefangenschaft marschierenden Politoffizier zeigt, notierte Wundshammer nach dem Krieg: „Der Kommissar wird den nächsten Morgen nicht mehr erlebt haben.“

Auf anderen Aufnahmen begrüßen polnische Juden im September 1939 die einmarschierenden Wehrmachtssoldaten mit brennenden Kerzen. Dazu schrieb der Fotograf 1979: „Ob sie dachten, es kämen die Deutschen von 1914?“ Die Deutschen von 1914 behandelten die Juden gut. Die Deutschen von 1939 brachten sie um.

Die Ausstellung über Benno Wundshammer im Deutsch-Russischen Museum Karlshorst ist ein Pionierunternehmen. Nie zuvor wurde einem deutschen Propagandafotografen des Zweiten Weltkriegs eine Einzelausstellung gewidmet. Das Museum, untergebracht im Haus, in dem am 8. Mai 1945 die Kapitulationsurkunde der deutschen Truppen unterzeichnet worden ist, kennt sich aus mit den Mechaniken der Propaganda und zeigte bereits Bilder von sowjetischen Armeefotografen wie Nikolaj I. Chandogin. Wundshammer ist, wie die Kuratorin Margot Blank sagt, eine „beispielhafte und sehr interessante Figur“. Außerdem stand sein kompletter Nachlass für die Bearbeitung zur Verfügung, er befindet sich im Besitz der Bildagentur bpk der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Benno Wundshammer, 1913 in Köln geboren, war kein Nationalsozialist. Aber ein Opportunist. Fotos zeigen ihn als schneidigen Krieger. Nach einem Einsatzflug über Stalingrad steht er leicht verletzt mit Blutstreifen im Gesicht auf dem Flugfeld, rauchend. An der Brust prangt das Eiserne Kreuz. Die Fotografie sei sein „Tor zur Welt“ gewesen, bekannte er.

Seine Karriere beginnt er bei „Kölnischer Zeitung“ und „Kölnischem Stadtanzeiger“. Zeitweilig sympathisiert Wundshammer mit dem Kommunismus, dann wendet er sich einem überhöhten Männlichkeitsideal von „echten Kerlen“ zu. Kurz vor Kriegsbeginn wird der Sportreporter, der inzwischen nach Berlin umgezogen war, als „Sonderführer G (Bildberichter)“ zum Luftwaffen-Kampfgeschwader „Hindenburg“ eingezogen.

Wundshammer liefert Heldenbilder. Konzentriert hören die Männer seines Geschwaders, drahtige Soldaten mit ausrasiertem Nacken, Hitlers Kriegserklärung vom 1. September 1939 im Radio. Sturzkampfbomber rollen auf einem Feldflugplatz in Startposition. Über Warschauer Industrieanlagen steigen Rauchsäulen auf. Aus der Bugkanzel eines Bombers blickt der Bordschütze auf Begleitflugzeuge. Ein britischer Tanker im Hafen von Piräus wird bombardiert. Deutsche Landser knipsen auf der Akropolis. Immer geht es vorwärts, der Krieg erscheint als großes Abenteuer. Wundshammer wird gelobt, mit Orden dekoriert, veröffentlicht Bücher wie „Flieger, Ritter, Helden“ und wechselt als Sonderberichterstatter zur Hochglanzillustrierten „Signal“, die in 25 Sprachen mit bis zu 2,4 Millionen Exemplaren erscheint.

Dort steigt er Ende 1944 zum stellvertretenden Chefredakteur auf. „Stalingrad ist einfach eine gigantische rauchende Müllgrube. Das ist mein erster Eindruck. Die Zerstörung ist restlos gelungen“, schreibt Wundshammer in seinem Tagebuch. Seine Bilder sind niederschmetternde Zeugnisse einer pulverisierten Stadt, über der deutsche Stukas kreisen. In Gesprächen soll der Propagandist die Kriegsführung als „bestialisch“ kritisiert haben. Gleichzeitig benutzt er antisemitische Stereotypen in seinen Berichten. Die Bilder aus Stalingrad hat Wundshammer auch nach dem Krieg noch benutzt. Doch Pläne, ein Stalingrad- oder ein Stuka-Buch zu veröffentlichen, zerschlugen sich in den siebziger Jahren.

„Nur einmal im Leben wurde ich wirklich gebraucht – im Kriege“, lautete die bittere Lebensbilanz. Dabei hat Wundshammer seine journalistische Karriere nach kurzer Kriegsgefangenschaft bruchlos fortsetzen können. Ein Netzwerk aus ehemaligen „Signal“-Mitarbeitern half ihm, bei Blättern wie „Revue“ und „Quick“ Fuß zu fassen, wo er die NS-Propagandafotografen Hilmar Pabel und Hanns Hubmann wiedertraf. Die Welt, die Wundshammer jetzt festhielt, ist überaus bunt. Adenauer hält seinem Besucher in Rhöndorf ein Blümchen entgegen. Playboy Arndt von Bohlen und Halbach geht mit Gummitieren in Marrakesch baden. Willy Brandt raucht. Prinzessin Beatrix heiratet Claus von Amsberg. Wer in der alten Bundesrepublik aufgewachsen ist, kennt diese Bilder. Sie standen schon damals unter Verlogenheitsverdacht.

Deutsch-Russisches Museum Karlshorst, Zwieseler Str. 4. Bis 15. 2., Di–So 10–18 Uhr. Katalog (Ch. Links Verlag) 14,90 €.

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