Kultur : Prophetischer Warner

Eines der Bücher von Rexhep Qosja hat den Titel Das verbotene Volk.So bezeichnet er den Teil der albanischen Bevölkerung, der in Kosova oder in anderen Regionen Ex-Jugoslawiens lebt.An den Begriff "verbotene Schriftsteller" sind wir gewöhnt, aber "Schriftsteller eines verbotenen Volkes" klingt in unseren Ohren fremd; und doch ist es wahr: es gibt in Europa ein verbotenes Volk! Es gibt in Europa ein Volk, dem alle Rechte entzogen wurden, ein Volk ohne Schulen, ohne Zeitungen, ohne Radio, ohne Fernsehen, ein Volk, das nur Terror und Unterdrückung durch eine fremde Polizei erlebt.Und dieses Volk ist eines der ältesten dieses Kontinents, ein Volk, das zeitgleich mit und in Nachbarschaft von den Griechen teil hatte an der Schaffung jener antiken Kulturgüter, die den Stolz der Weltzivilisation begründen.

Wie so häufig bei den wirklich großen Verbrechen fragen sich die Menschen: Wie konnte sich das direkt vor unseren Augen abspielen, wie nur zwei Schritte von uns entfernt dieses Mittelalter existieren, wie ein Volk Europas verfemt und verboten sein, ohne daß wir es bemerken?

Der Roman von Rexhep Qosja bezeugt, daß es sich manchmal weniger um Unwissenheit handelt als vielmehr darum, nicht wissen zu wollen.In den zwanzig Jahren, seit denen er veröffentlicht ist, wurde er boykottiert: Es ist ein Roman, der die Ruhe, der den Schlaf gefährdet, und gewöhnlich werden solche Werke von denen, die in Frieden schlafen wollen, ohne sich um den realen Terror zu scheren, wenig geschätzt.

Es gibt Dutzende albanische Schriftsteller, die in Ex-Jugoslawien leben und die das Verbrechen durch Gedichte, Dramen, Romane und dramatische Zeugnisse angeklagt haben.Nachdem ihnen verboten war, ihre Heimat zu sehen, haben sie aus ihrer Sprache ihre Heimat gemacht.Der Roman In solchen Augen liegt der Tod ist ein großer Augenblick der albanischen Literatur: Rexhep Qosjas ganzes Werk ist eine prophetische Warnung vor der Apokalypse, die dem Balkan droht.Man findet darin weder Haß noch nationale Hysterie.Rexhep Qosja beweist immer wieder nicht nur seine hohe intellektuelle Kapazität, sondern auch seine Zugehörigkeit zu einer eigenen Kultur, die ein wesentlicher Teil jener Kultur der Balkanhalbinsel ist, wo sich zum ersten Mal das menschliche Gewissen manifestierte.Und der Balkan hat mehr als je zuvor dieses Gewissen nötig.





Aus dem Nachwort von Ismail Kadaré zu Rexhep Qosjas "In solchen Augen liegt der Tod".Kadaré schrieb es in Paris, 1993.Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Haymon Verlages.

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