Psychodrama : Im Labyrinth der Erinnerungen

Kunstvolle Verwebung von Symbolen, Motiven und Figuren: In „X“ entführt der Comic-Altmeister Charles Burns in eine psychedelische Albtraumwelt.

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Wie ein Ei dem anderen. Das Muster der Eier unter Nitnits Schlafzimmer ist nur einer von Burns' Verweisen auf Hergé und Tim-und-Struppi
Wie ein Ei dem anderen. Das Muster der Eier unter Nitnits Schlafzimmer ist nur einer von Burns' Verweisen auf Hergé und...Foto: promo

Eier. Immer wieder Eier. Sie liegen neben dem Speck auf dem Teller, in der asiatisch anmutenden Garküche und gleich dutzendfach in den albtraumhaften Kellern unter dem Schlafzimmer von Doug alias Nitnit. Was aus ihnen schlüpfen wird? Man weiß es nicht. Wo sie herkommen, aber schon: Die rot-weiße gefleckte Schale ist ebenso ikonenhaft wie die Haartolle der Hauptfigur. Wer ihren Namen rückwärts liest, kommt schnell darauf: Nitnit, das ist Tintin, französisch für Tim aus „Tim und Struppi“.
Er und sein Schöpfer Hergé sind es, auf die der amerikanische Zeichner Charles Burns in seinem neuen Comic „X“ immer wieder zurückkommt. Er übernimmt Tims Körpersprache und die rot-weißen Pilze aus dem Klassiker „Der geheimnisvolle Stern“, deutet sie um, verwebt sie mit Kafkas Klaustrophobie und William S. Burroughs’ Beat-Poesie. Der Soundtrack, den Burns dazu ausgewählt hat, ist Patti Smiths „Pissing in a River“. Am besten in Endlosschleife. „Nicky stand total auf Patti Smith …“, erinnert sich Doug einmal an seine Freundin. „Sie hat die Single bestimmt zwanzigmal abgespielt.“

„X“ wird erzählt auf drei Ebenen. Da ist der verliebte Cut-up-Dichter Doug, der mit Tim-Maske vor sein Publikum tritt. Da ist eben jener Doug, der mit halb rasiertem Schädel und Kopfwunde im Krankenbett mit der Lethargie kämpft. Und da ist Nitnit, der mit einer schwarzen Katze (statt eines weißen Terriers) durch eine Fantasiewelt irrt, die halb an Hergés Arabien, halb an eine Vision von Hieronymus Bosch erinnert. Immer wieder blitzen darin auch die Fratzen aus Burns’ viel gelobter Pubertätsparabel „Black Hole“ auf.

Eine kunstvolle Verwebung von Symbolen und Figuren

Bliebe es dabei, könnte man Burns’ neues Buch, das der erste Teil einer Trilogie ist, deren nächster Teil im Sommer erscheinen soll, als Meta-Witz für Comic-Aficionados abheften. Doch „X“ ist mehr, und das liegt vor allem an der kunstvollen Verwebung von Symbolen, Motiven und Figuren über die Erzählebenen hinweg, die in jedem Genre meisterhaft wäre. Ein Hund aus dem Fernseher von Dougs Vater erscheint erneut als borstiges Wesen auf einem unterirdischen Fluss. Das Rosa von Dougs Bettdecke kehrt wieder in einem Eimer voller Fische in Chinatown. Und der Raum, in dem Nitnit am Anfang mit ausge-„x“-ten Erinnerungen erwacht, weckt nicht nur bei Freudianern Gedanken an eine Gebärmutter. Diesseits und Jenseits, Vergangenheit und Zukunft, Liebe und Verlust, alles verschwimmt ineinander.

Verdrängte Erinnerung. Das Cover des Bandes, der im Original "X'ed Out" (zu Deutsch: ausge-x-t/ausgelöscht) heißt.
Verdrängte Erinnerung. Das Cover des Bandes, der im Original "X'ed Out" (zu Deutsch: ausge-x-t/ausgelöscht) heißt.Foto: promo

Gewiss, vieles bleibt noch rätselhaft auf dieser ersten Stufe der Erzählung. Wo Burns hinwill, zeichnet sich erst vorsichtig ab. Die Hinweise sind noch vage: der kranke Vater, die verdrängten Erinnerungen, die in Formaldehyd oder Rührei treibenden Schweine- und Alien-Embryos. Doch schon jetzt ist gewiss, dass hier keines der Bilder, kein Farbton willkürlich gewählt ist, kein Satz nicht genau dort steht, wo er hingehört. Diese präzise Anordnung ist es, die dem Buch trotz der verstörenden Bilder eine ganz eigene Schönheit verleiht. Die Schönheit der makellosen Komposition, eine Schönheit der sinnvollen Ordnung.

„Should I pursue a path so twisted?“, fragt Patti Smith in dem Lieblingslied von Dougs Freundin Nicky, aus dem Burns nie zitiert, dessen Text aber dennoch das Buch leitmotivisch durchzieht. „Soll ich einem so verschlungenen Pfad folgen?“ Im Fall von „X“ kann die Antwort nur eine sein: Ja, dringend.

Charles Burns: X. Reprodukt Verlag 2012. Aus dem Englischen von Heinrich Anders, 56 Seiten, 18 Euro.

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