Punk in der DDR : So war det

Hans Narva wurde in beiden deutschen Staaten verknackt: Jetzt porträtiert ein Film den Punkrocker.

André Weikard

Mit der „bürgerlichen Presse“ redet Falko Teichmann nicht so gerne. Hans Narva kommt vom Gerichtsvollzieher, ist aber trotzdem besser gelaunt. Schließlich geht es im Dokumentarfilm „Hans im Glück“ ja auch um ihn und nicht um den Musikerkollegen Teichmann. 40 Jahre ist Narva alt. Die Hälfte seines Lebens hat er in der DDR verbracht, die andere im vereinten Deutschland. Für ihn macht das keinen großen Unterschied. Die Bespitzeleien bei Lidl und der Deutschen Bahn machen ihn genauso wütend wie die der Stasi. In den Knast schickte man ihn in beiden Staaten. Im Osten, weil er nicht mit dem System konform ging, im Westen, weil er sich so viele Auffälligkeiten im Straßenverkehr zuschulden kommen ließ, dass man ihn zu neun Monaten Haft verurteilte.

Die können nur wieder zur Bewährung ausgesetzt werden, wenn der Punkrocker von einst sich in Therapie begibt. Die Therapie ist Anlass und Klammer für den Film von Claudia Lehmann. Für „Hans im Glück“ folgte die promovierte Elementarteilchenphysikerin dem alten Freund auf seinen Gängen durch Berlin. Da verrät der Geschichtenerzähler Hans, der seinen Führerschein längst abgeben musste, dass er beim Laufen besser denken und beim Autofahren besser komponieren kann. „Eigentlich muss ich nur det dem Gericht plausibel machen. Det is einfach ein Arbeitsmittel.“

Genauso unbekümmert haben Hans Narva und Konsorten einst einem Geldtransport aufgelauert. Überfallen haben sie am Ende versehentlich den armen Blumenverkäufer. Der hatte auch eine Aktentasche in der Hand. Eine Verwechslung. Dass im Leben von Hans Narva auch sonst nicht alles nach Plan verlief, lässt sich erahnen, wenn der Film einen Besuch bei seiner Mutter zeigt. Da heißt Hans wieder Torsten, sein bürgerlicher Name. Und die Mama findet, im Alter von vierzehn Jahren sei er noch „ein ganz normaler Junge gewesen“. Was sie davon hält, wie ihr Sohn später wurde, muss sie nicht mehr erzählen. Hans, der schon lange nicht mehr Torsten sein will, schnauf, „wieso kriege ich eigentlich in deiner Nähe Kopfschmerzen?“

Angefangen hatte die Entfremdung von der Mutter viel früher. Erinnern kann er sich vor allem an ein Weihnachtsfest. Da lag unterm Christbaum ein Buch von Nikolai Alexejewitsch Ostrowski, „Wie der Stahl gehärtet wurde“. Die Lektüre wurde dem Achtjährigen zum Initiationserlebnis. Der Junge nimmt das Gerechtigkeitspathos der sozialistischen Erbauungsliteratur ernst. So einer wie der Held Pawel will er auch gerne sein. Ein Idealist ist er seitdem geblieben.

Verlassen musste er die Schule mit 15. Da schickte ihn das DDR-Regime ins Gefängnis: sechs Monate wegen der Beteiligung an Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Jugendbanden, im juristischen Sprachgebrauch war das „Meuterei“, vier Monate wegen des „Verdachts auf Vorbereitung einer Republikflucht“. Über letztere Formulierung schmunzelt er heute noch. Entschädigen lassen wollte er sich aber nie. Weil er es komisch findet, dass der Westen „für Sachen aufkommt, die im Osten passiert sind“, und weil ihm das Prozessieren einfach zu anstrengend war.

Zahmer geworden ist Hans Narva in der Haft nicht. Aus dem Gefängnis entlassen, spielt er in verschiedenen Bands der jungen ostdeutschen Punkszene. Nie wieder hatten Musikgruppen coolere Namen: Wutanfall, Planlos, Väterchen Frust, Die Skeptiker, Dritte Wahl. Weil das Regime im Arbeiterstaat die Müßiggänger mit dem ganzen Verfolgungsinstrumentarium von Auftrittsverbot, Bespitzelung, Einberufung zum Wehrdienst bis zur Verhaftung der Mitglieder überzieht, müssen sie in Kirchen und Jugendclubs spielen.

Seine Stasi-Akten will Hans, der zu dieser Zeit schon Bassist bei der Band Herbst in Peking war, und sich da Hans Tomato nannte, nicht einsehen. Er will nicht wissen, ob Verwandte oder Freunde über ihn berichtet haben. Und wenn schon. Was gab es schon zu erzählen? Er wollte „ja nicht die Mauer in die Luft sprengen“.

Auch die Band Herbst in Peking handelt sich 1989 ein Auftrittsverbot ein. Ausgerechnet wegen einer Schweigeminute für die Toten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Kurz darauf bekommt Hans seinen Einberufungsbescheid. Er flieht über die tschechische Botschaft in den Westen und kehrt wenige Monate später zurück.

Die Wende hat neben dem schwärmerischen „Wind of Change“ noch einen anderen Soundtrack. „Schwarz, rot, gold ist das System – morgen wird es untergehn“ singen Herbst in Peking. Über das eigene Label „Peking Records“ produziert die Band eine erste Platte. In der kurzen Zeit, bevor die Ostwirtschaft zusammenbricht und der Ostpunk Konjunktur hat, geben sie Konzerte von Paris bis Warschau. Im Film werden die Ermahnungen des Therapeuten, die Hans zu einem anderen Lebenswandel raten, gegen die Erzählungen von Saufgelagen und die Bilder von Partys geschnitten. Die Nachwende-Sause endet damit, dass der Gitarrist sein Instrument auf einen Kameramann schleudert und aus der Band aussteigt.

Hans Narva zelebriert die Krise. Er streicht die Wände seiner Wohnung schwarz und richtet sich mit Koks und Wodka fürs Sterben ein. Zufällig begegnet ihm Titus, der Schlagzeuger der Inchtabokatables. Auf die Frage, wie er denn aussehe, antwortet Hans: „Ach, ich sterbe gerade.“ Und Titus macht das lebensrettende Angebot, das Hans unmöglich abschlagen kann: „Willste dir damit nich noch ein bisschen Zeit lassen? Wir brauchen nämlich einen Bassisten.“

Punk-Sein bedeutet „unabhängig sein und sich auflehnen“, sagt Hans. Mit Frisuren wie Hahnenkämme hat das nichts zu tun. Deshalb war er Punk und ist es auch heute noch. Auch wenn die Musik mittlerweile anders klingt. Sein letzte Band, das Crack-up Collective, produzierte nachdenkliche, experimentelle Klangkunstwerke und kultivierte einen melancholischen Sprechgesang. Dazu hätte der Sänger Falko Teichmann, den Hans im Film einen Schnösel nennt, vielleicht etwas erzählen können, der ist aber immer noch zu beschäftigt.Die Band bekam nie einen Plattenvertrag.

Die Dokumentation über Hans Narva ist ohne Filmförderung entstanden. Zu unbekannt, fanden die potenziellen Geldgeber, also stieg die Regisseurin selbst in die Produktion mit ein. Es hat sich gelohnt. Die Doku wurde im Februar in der Sektion Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale gezeigt, am Freitag, den 13.

Der Film wirkt, als habe man ihn schnell fertigstellen müssen. Nur eine gute Stunde ist er lang, vieles wird nur angedeutet. Aber wenn Hans Narva „So war det“ sagt, will man mehr wissen über diesen Typ und über seine Musik. Noch ist nicht sicher, ob der Film einen regulären Kinostart erleben wird und ob es mit der geplanten Kombi-Tour aus Filmvorführung und Konzerten klappt. Da sollte man jede Gelegenheit nutzen.

Film und Konzert am heutigen Freitag um 20 Uhr im Prater, Kastanienallee 7-9, Prenzlauer Berg

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