Kultur : Punker mit Pickelhaube

Schlimmer als Billy the Kid: Ein Berliner Wochenende mit Billy Childish, einem kauzigen Musiker, Maler und Romancier, der nicht lesen kann

Kaspar Renner

„Sind Sie etwa respektlos zur Flagge?“, tadelt Billy Childish eine blauhaarige Furie, die auf die Bühne springt, um einen dort gehissten Union Jack zu zerfetzen. Es ist Samstagabend, Childish und ein Teil seiner Garagenrock-Formation The Buff Medways geben ein Konzert im Festsaal Kreuzberg. Der Bandleader marschiert in einer Uniform aus dem Wilhelminischen Reich auf, Pickelhaube inklusive. Und das, bitteschön, soll Punkrock sein?

Seit 1977, als Childish loslegte, zeigt er sich vergrätzt gegenüber der Masken- und Kostümhaftigkeit der Welt. „You are all phoneys!“, sang er erst kürzlich: Ihr seid alles Heuchler. Zornig ist er auf Spießer, die ihre Hecke scheren, auf kleine Hunde, Hypotheken und Hippies, zornig auf alles, was so existiert unter der Sonne – auch auf die Sonne selbst. Musik ist eine Kriegstechnik: Wie die Preußen mit dem Zündnadelgewehr loszogen, zückt Childish seine rot funkelnde E-Gitarre. Und für Queen Victoria oder Kaiser Wilhelm – Hauptsache, es rockt. Kein Wunder, dass Kurt Cobain vor ihm auf die Knie fiel. Allerdings soll auch Kylie Minogue ihn verehren.

Nach dem Konzert treffen wir die Untergrundlegende in der Galerie The Aquarium, die kurzfristig von London, Bloomsbury, nach Berlin-Kreuzberg übergesiedelt ist. Dort sind Texte und Illustrationen zu Childishs neuem Roman „Die Idiotie der Ideen“ ausgestellt. Sie sind kunsthistorisch ebenso schwer einzuordnen wie sein fein gezwirbelter Schnäuzer. Fest steht: Beides geht gegen den guten Geschmack. Auf einer Vernissage hätte sich Billy früher gnadenlos betrunken. Heute bleibt er bei Wasser. Nach wie vor ist er Rauschkünstler par excellence, zwischen totaler Ernüchterung und Volltrunkenheit pendelnd: Zwei Tage braucht er für ein Album, 45 Minuten für ein Bild. Kurz schweift sein Blick zu den Trinkern, die vorm Supermarkt gegenüber stehen.

„Punk sein heißt, die Regeln zu brechen“, meint Childish. Ein Allgemeinplatz, gewiss. Aber kaum einer hat diese Regel des Anti so gewissenhaft befolgt wie er. Wenn in der Musik das „Unplugged“ seine Devise ist, so ist es in der Literatur das „Uncorrected“. Childish, der derbstes Cockney-Englisch spricht, hat Dyslexie. Das heißt, er kann uns eben gerade noch seinen Namen fehlerfrei aufschreiben. Viel mehr geht nicht. So sind in seiner Lyrik gerade die kleinen Buchstabendreher signifikant: Wenn er Schreiben („write“) wie Ritus („rite“) buchstabiert, dann offenbart sich darin sein fast religiöser Eifer für die Literatur. Dass er aber die Seele („soul“) mit der Schuhsohle („sole“) gleichsetzt und diese (kaputte) Seelen-Sohle zwecks Reparatur mit einem Gummiband umwickelt, entspringt einem besonderen Sinn für Komik. Das Erhabene und das Niedrige markieren die Extrempunkte seiner Lyrik: Gott trägt handgestrickte Socken.

„Jede Kunst ist Expressionismus“, behauptet Childish. Tatsächlich scheinen bei ihm das, was Kunstkritiker Punk und Expressionismus nennen, zwei Seiten derselben Medaille zu sein. Ob er seine stets wiederkehrenden drei Akkorde in die Saiten haut oder scharf konturierte Silhouetten ins Holz kerbt: Er überkommt uns mit archaischer Wucht. Die schädelfarbigen Schatten seiner Holzschnitte erinnern an primitivistische Entwürfe zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Er sei genau am gleichen Tag geboren wie Brücke-Maler Carl Schmidt-Rottluff, erklärt Childish. Was dieser wohl gemacht hätte, wenn er 1959 in Chatham, einem Kaff in der südenglischen Provinz Kent, zur Welt gekommen wäre?

So ähnlich sie sich sind – anders als bei den Expressionisten erscheint die Kindheit bei Childish nicht als vorzivilisatorisches Stadium der Unschuld. Das hat wohl biografische Gründe: Als Billy neun war, wurde er vergewaltigt. Fast all seine Texte kreisen um dieses Trauma. Als 20-Jähriger beschloss Billy dann, mit einer abgesägten Schrotflinte loszuziehen, um seine Kunst fortan durch Raubüberfälle zu finanzieren. „In Chatham geht es genauso gesetzlos zu wie im Wilden Westen“, sagt Billy Childish. Kein Zufall also, dass sein Künstlername der Superlativ von Billy the Kid ist. Und er immer wieder diese melancholischen Blues-Nummern über die Büffeljagd bringt.

Mit dem Cowboytum hat er allerdings abgeschlossen: „Ich drücke meinen Feinden die geladene Pistole in die Hand“, sagt er. Seine Strategie ist es, die Originalität zu verweigern. Seit 30 Jahren macht Childish genau die gleichen Bilder, genau die gleiche Musik. Weil es authentisch ist. „You are stuck, stuck, stuck!”, soll ihn seine Exfreundin, die Künstlerin Tracey Emin, gescholten haben. Der Punk machte das Steckenbleiben zum „-ismus“, zum Stuckismus, einer Bewegung, die den Stillstand propagiert.

Childishs Verhältnis zu Deutschland ist etwas speziell. Er bezeichnet es als „Seelenverwandtschaft“: In seinen Romanen kommen ein Bordellkönig von der Reeperbahn und ein Wehrmachtsflieger vor. Auf den dazugehörigen Bildern wimmelt es nur so von Messerschmitts und Hakenkreuzen. Ein Trinker von gegenüber, der in der Galerie vorbeischaut, ist erbost: „Wasn ditte? Das ist ja voll der NaziScheiß. Dis geht gar nich!“ Bevor er die Bilder aufschlitzt, ruft er freundlicherweise die Polizei. Penner und Polizist führen sodann ein sehr kunstsinniges Gespräch. Die Staatsmacht schließt: „Nicht verfassungsfeindlich.“ So herrscht am Schlesischen Tor nun doch wieder heile Welt.

Aber nur scheinbar. Denn wenn etwas allgegenwärtig ist in Childishs Werk, dann der Tod. Er ist vernarrt in Galgen, sein Label heißt „Hangman“. Childish: „Hätten die Römer eine andere Hinrichtungspraxis gepflegt, unsere Kirchen sähen heute anders aus.“ Schon in der Schule wurde er, der Dyslexiker, mit dem „Galgenmännchen“-Spiel gequält. Da schaut man dem Tod früh ins Gesicht.

Billy Childish: Die abgetrennte Hand des Messerschmitt-Piloten, The Aquarium (Falckensteinstraße 35, Kreuzberg) bis 30. September, Do–So 12–20 Uhr.

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