Kultur : Putten-Gyros: Wie die Gretchenfrage nach dem Festmenü in die Wertedebatte führt

Thomas Lackmann

Dass der Bauer nicht frisst, was er nicht kennt, ist eine Weisheit, an die wir in diesen Wochen panischer Enthaltsamkeit gern glauben würden. Wie gut muss man oder darf man jemanden kennen, um ihn wohlgemut zu verzehren? Der klassische Kannibale eignete sich noch auf oralem Wege Kräfte des Gegners an, davon ist die Zivilisation abgekommen. Der Großstädter geht eher auf Distanz und überlässt die intime Bekanntschaft mit dem Masttier dem artgerechten Landwirt. Er selbst wird vierbeinige Duzfreunde und Lebensabschnittsgefährten nur zögernd braten oder gar physisch vereinnahmen. Seine abstrakte "Kenntnis" des Nahrungsmaterials bezieht sich auf Etikette und Rezepte, die freilich nur winzige Ausschnitte der Welt darstellen. Wie putzig beispielsweise klingt für uns die Anekdote von dem Südseebürger, der nach Kalifornien kam und vor einem Teller weißer Würmer angeekelt zurückwich! In Europa wiederum soll es Kinder geben, die außer Spaghetti jedes Restaurantgericht boykottieren, und Erwachsene, die sich auf einer Mittelmeerinsel erst zuhause fühlen, wenn sie Wiener Schnitzel kauen. Essen ist eben, irgendwie, Heimat, also das, was Sprache für die Seele bedeutet - und hält bekanntlich letztere mit dem Körper zusammen. Vielleicht wirken darum deutsche Speisekarten im Ausland so rührend, wie zartkomische Zeugnisse einer Küchenpoesie der Völkerverständigung.

Weniger berüchtigt waren bislang die ausländischen Menükarten hierzulande. Schicken Kebab immerhin wird an Berlins Imbissen gern angeboten - ein fragwürdiger Akkusativ, der aber das Gattungs-Label zum appetitanregenden Prädikat aufwertet. Riskanter mutet die von einer Schöneberger Grillstation unterm Schatten des Rinderalbs propagierte Variante Putten-Gyros an (nicht zu verwechseln mit Putin-Gyros). Besorgt erkennt der politische Beobachter, dass hier - Schicken-Kebab contra Putten-Gyros! - an ein und derselben Rezepttradition Konflikte zwischen Türke und Grieche, Islam und Christentum, Orient und Okzident ausgekocht werden. Zudem kommt die Etikettierung deutscher Fleischware aufs Neue ins Gerede. Von der Eselswurst zur Engelssalami? Hier mündet der ökotrophische Diskurs, Botho Strauß lässt grüßen, in die fällige Wertedebatte. Als vor 100 Jahren ein anderer Dichter, Christian Morgenstern, wohnhaft am Stuttgarter Platz in Charlottenburg, jenen mittelalterlichen Theologen widersprach, die behaupteten, auf einer Nadelspitze müssten ungezählte Engel Platz finden, klang sein Argument noch simpel. Kein einziger Engel, konterte er, passe auf so eine Spitze: weil diese Spezies nur auf unkörperlichen Lokalitäten verweile. Uns heutigen komplexen virtuellen Webgenossen sind Details der Engelskunde vor lauter körperloser Body-Fixiertheit längst abhanden gekommen, aber ob der Engel auf dem Gyrosspieß vom Himmel hoch stammt und welches Kraftfutter ihn dort nährte: Das wüssten wir dieser Tage gern. Fragen Sie also bitte Ihren Grillmeister, ob er seine servierte Putte von Angesicht kennt und wo deren (man ist, was man isst!) wahre Heimat ist. Apropos, wo überhaupt ist die Ihre? Zu Weihnachten kann man schon mal ganz persönlich werden.

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