Kultur : Qu Xiao-Song: Nichts ist alles

Frederik Hanssen

Qu Xao-Song hat ein Lächeln, das seine Gesprächspartner verwirren kann. Man weiß nie, ob gerade fernöstliche Höflichkeit um seine Lippen spielt - oder westliche Ironie. Zum Beispiel, wenn der 1952 geborene Chinese erzählt, wie ihn die Kulturrevolution zum Komponisten machte. Als die Schulen geschlossen wurden, schickte man den 14-Jährigen zur Feldarbeit in die tiefste Provinz. So hart die Lebensbedingungen dort waren, faszinierte ihn doch das Leben der Bauern, ihr respektvoller Umgang mit der Natur, ihre lebendige Volksmusik Tradition. "Fast immer wurde bei der Arbeit gesungen. Und wenn die Leute glücklich waren, riefen sie ihre Freude in die Berge, dass das Echo nur so schallte." Gleichzeitig begegnete Qu Xiao-Song aber auch der westlichen Kultur: Von seinem Bruder bekam er eine Geige geschenkt, brachte sich selber das Spielen bei. In seine Heimatstadt Guiyang zurückgekehrt, begann er mit Freunden heimlich Streichquartette von Haydn und Beethoven einzuüben.

Nach dem Ende der Kulturrevolution gehörte Qu Xiao-Song zum ersten Jahrgang des wiedereröffneten Konservatoriums. Doch die unreflektierte Imitation westlicher Hochkultur befriedigte ich nicht. Bei einer Exkursion 1980 hatte er sein Erweckungserlebnis. In der Provinz Guangxi demonstrierten ihm ein alter Mann und ein Mädchen die Musik ihrer Region: Ganz leise, murmelnd begann der Alte zu singen, da entrang sich plötzlich ein gewaltig anschwellender Schrei der Kehle der zierlichen jungen Frau: "Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich daran denke", berichtet Qu. "Es war, als stiege die Seele der Berge aus ihrer Kehle auf. Da wusste ich: So klingt die Musik, die ich schreiben möchte."

Der Student begann - zum Entsetzen seiner Professoren - Stücke zu komponieren, in denen Passagen am Rande der Unhörbarkeit mit explosiven Ausbrüchen wechselten. Und er kombinierte europäische Streicher und Bläser mit traditionellen chinesischen Instrumenten. Der Erfolg gab ihm Kraft, seinen Weg fortzusetzen. Bald folgten Einladungen nach Europa und in die USA. Ausgerechnet in New York entdeckte er dann die Macht der Stille in der Musik. "Viele Leute packt Angst, wenn alle Geräusche verstummen. Ich aber spüre in den langen Pausen zwischen zwei Noten die Musik im Raum schweben. Es ist, als berühre man das Universum." Wer bereit ist, sich für diese Hörerfahrung zu öffnen, den wird Qus Musiktheaterwerk "Die letzte Saite" faszinieren, das die Zeitgenössische Oper heute im Hebbel-Theater herausbringt.

Die Handlung klingt für europäische Ohren grausam. Der blinde Laohan wandert als Geschichtenerzähler durch die Dörfer, beseelt von einem Wort seines Meisters: Wenn die tausendste Saite seines Instruments reißt, wird er ein Rezept finden, das ihm hilft, die Schönheit der Welt zu erkennen. Als es nach 50 Jahren so weit ist, hält er nur ein leeres Blatt Papier in den Händen. Natürlich löse so eine Geschichte auch bei Chinesen nicht nur positive Gefühle aus, gibt Qu zu. Und doch können Qualen auch den Weg zur tieferen Selbstwahrnehmung öffnen. Vielleicht so wie bei Mutter Teresa. "Man kann Armut als Geschenk ansehen. Ebenso wie die Stille der Musik", lächelt er sein Lächeln.

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