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Qualitätsjournalismus : Vom Geist der Zeitung

26.11.2012 12:56 Uhrvon
Der Morgensegen. Eine Zeitung kann man nicht nur lesen, man kann mit ihr auch lesen lernen. Und eine Menge anderer Dinge anstellen. Foto: picture alliance / Horst OssingeBild vergrößern
Der Morgensegen. Eine Zeitung kann man nicht nur lesen, man kann mit ihr auch lesen lernen. Und eine Menge anderer Dinge anstellen. - Foto: picture alliance / Horst Ossinge

Immer von gestern, immer von morgen: Warum die guten alten Printzeitungen unter Druck sind, aber auch in der Parallelwelt der digitalen Ära überleben.

Das Wort „Zeitung“ war im früheren Sprachgebrauch auch einmal gleichbedeutend mit dem Wort „Nachricht“. Wer gute Nachricht brachte, war willkommen. Wer freilich eine gute Zeitung machte, brauchte mehr. „All the News That’s Fit to Print“ ist seit 1896 der Leitspruch der „New York Times“, bis heute die angesehenste Zeitung der Welt. Wobei im Journalismus häufig auch die Devise gilt „Bad news are good news“, weil genau wie im Roman, in den Künsten, im Krimi das Katastrophische und Unheimliche meist das Spannendere ist und stärker die Neugier weckt. Ein Problem allerdings stellt sich den Zeitungen, seit Jahren sogar der „New York Times“, wenn die bad news die Voraussetzungen der Presse selbst betreffen.

Das Nachdenken in den großen und kleineren Verlagshäusern hatte schon lange vor den jüngsten schlechten Nachrichten über die wirtschaftliche Situation von Blättern wie der „Frankfurter Rundschau“ oder der „Financial Times Deutschland“ begonnen. Es herrscht Druck auf den Druckmedien. Print hat dabei das für selbstverständlich genommene Primat vor allem bei jüngeren Nutzern der digitalen Medien eingebüßt. Mit der Geschwindigkeit, in der Nachrichten von den (eigenen) Onlineredaktionen oder von den sozialen Netzwerken in beinahe Echtzeit rund um die Uhr und den Globus verbreitet werden, kann keine gedruckte Zeitung konkurrieren.

Noch im gerade vergangenen Jahrzehnt hieß es freilich: Online ist der aktuelle Schnellschuss, sozusagen der Glanz des Bildschirms, der flachen, glatten, Oberfläche. Den Tiefgang, die nachhaltige Analyse und Reflexion des Nachrichtlichen liefere dagegen die am nächsten Tag (oder schon am frühen Abend) erscheinende Zeitung. Zwar stellen die meisten Redaktionen den Inhalt ihrer gedruckten Zeitung auch ganz oder teilweise ins Netz. Doch die vertiefende Lektüre, so der Eindruck, so die Selbstsuggestion, sie finde noch immer analog, auf Papier, im Geiste der Gutenberg-Ära statt.

Bei vielen Menschen trifft das auch weiterhin zu. Es sind meist Menschen, die auch ein Buch noch lieber physisch, haptisch und in ihrem Sinne sinnlicher in der Hand und vor Augen haben. Doch diese alte Lese-Kultur konkurriert jetzt mit der elektronischen Kultur, die kein virtueller Schein mehr ist, sondern sehr real. Auf Tablets, Smartphones, in E-Books, mit E-Papers und auf dem PC sowieso. Dort erscheinen oft genug die genau selben Texte wie auf dem Papier. Die These, dass komplexere Darstellungen auf der digitalen Oberfläche weniger tiefsinnig wirken oder weniger einprägend verstanden werden, hat eher schwindende Überzeugungskraft. Wahrnehmungspsychologie und Rezeptionskultur einer Gesellschaft wandeln sich mit den technischen, faktischen Veränderungen. So geht die Beschwörung, dass der reflektierende, auch sprachlich anspruchsvolle Journalismus ebenso wie die poetische oder wissenschaftliche Literatur ein Vorrecht des gedruckten Worts seien, immer mehr ins Leere.

Vor Jahrzehnten, als es den Volkswagen nur als den runden Käfer gab, schaltete VW in den USA großformatige Zeitungsanzeigen, die nichts als ein Hühnerei zeigten. Darunter stand der Satz: „Es gibt Dinge, die man einfach nicht verbessern kann.“ Inzwischen existiert noch das Ei, aber der Käfer ist Vergangenheit.

Selbst in einer Welt der Bilder, des Films, des Fernsehens und der Fotografie galt bis vor Kurzem einem Wimpernschlag der Geschichte: Etwas Vollkommeneres als das gedruckte Buch und die gedruckte Zeitung konnte sich die alphabetisierte Menschheit als Verkörperung von Texten und als Verdichtung und Verfestigung von Ideen und Gedanken kaum vorstellen.

Trotzdem hinkt der spielerische Vergleich mit Käfer und Hühnerei. Denn die Zeitung, gleich, ob auf Papier oder digital übertragen, wird noch lange nicht verschwinden, so wenig wie das richtige Buch. Und das liegt nicht nur an dem in Deutschland – verglichen mit den meisten anderen Staaten – besonders weit verbreiteten „Qualitätsjournalismus“.

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