Kultur : Quotenreiter

Eine Berliner Diskussion zur Krise der Musikindustrie

Björn Döring

Den pointiertesten Kommentar zur Krise der deutschen Unterhaltungsindustrie liefert die Saalbeleuchtung gleich zu Beginn: Sie versagt ihren Dienst und wirft die Musikexperten im Liebermann-Haus in jene Dunkelheit zurück, in die sie sich auch thematisch verirren sollten. „Musikalische Vielfalt durch Quoten?“ lautet das Motto einer von der Senatsinitiative „Projekt Zukunft“ veranstalteten Podiumsdiskussion. Doch für die Branche mühen sich unter anderen Balthasar Schramm (Sony Music), Raik Hölzel (Kitty Yo) sowie Stephan Hampe (94,3 r.s.2) und Peter Radszuhn (Radio Eins) vergeblich, die Frage zu klären, ob eine Quotierung deutschsprachiger Musikproduktionen im Radio „sinnvoll“ und ein Ausweg aus der wirtschaftlichen Krise ist.

Umsatzeinbrüche quälen fast alle großen Musikmärkte, nur Frankreich boomt. Ein Erfolg, der sich nach Auffassung von Schramm der dort 1994 eingeführten Radioquote verdankt. Zwischen 35 und 60 Prozent des Programms muss seither aus französischsprachigen Titeln bestehen. Was liegt also näher, als eine solche Quote auch für Deutschland zu fordern? Die Versammelten verschweigen jedoch, dass die Quotierung in Frankreich nur Teil eines viel weiter gefassten Maßnahmenpakets ist, mit dem die gesamte Musiklandschaft umstrukturiert wurde. Im Importland Deutschland geht es dagegen weiterhin um Partikularinteressen und schnelle Gewinne, wie der Diskussionsverlauf erneut eindrucksvoll demonstriert. Internen Grabenkämpfen und drögen Lobbyismus-Debatten wird mehr Aufmerksamkeit gewidmet als einer nachhaltigen Pflege der Popkulturlandschaft. Einzig Raik Hölzel vertritt Ideen einer neuen, innovativen Managergeneration. Nicht die Musikwirtschaft als Ganzes steckt in der Krise, sondern deren Führungskräfte, die den Ruch des verstaubten Verbandswesens verbreiten. Auf eine Radioquote zu hoffen, drückt nur ihre Ideenlosigkeit im Umgang mit einer sich rasant verändernden Pop- und Medienkultur aus. Umsonst ward es Licht. Björn Döring

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