Kultur : R 5, 6 - 13

Ein

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von Peter von Becker

Der Mannheimer an sich ist ein netter Mensch. Er kommt als „Mannhämer Wuppdich“ zur Welt, doch selbst wenn aus dem Wuppdich mal ein Weltmensch wird, haftet ihm seiner heimischen Mundart wegen nicht unbedingt etwas Mondänes an. Der wahre Mannheimer nämlich redet wie Boris Becker (Leimen, eine Beckerrolle südöstlich), angereichert durch eine Prise Helmut Kohl (Oggersheim, ein Pfälzer Zungenschlag westlich). Oggersheim, das ist ein Stück Ludwigshafen auf der anderen Rheinseite, also von Mannheim nur ein Gang „iewer die Brick“: jene Brücke, welche die Mannheimer Bluesrockröhre Joy Fleming einst zum Hit gemacht hat.

Aus Joy Fleming (bürgerlich Erna Strube) hätte vielleicht eine deutsche Liza Minelli werden können, wenn sie nicht gar so wuppdichknubbelig und in ihrem Deutsch so sehr mannhämerisch = mannheimerisch wäre. Trotz der lokal- idiomatischen Bürden aber ist Mannheim heute die Hauptstadt der deutschen Sprache. Zumindest: der deutschen Sprachpflege. Und alles, was ab dem 1. August geschieht, wenn die Reste der Rechtschreibreform für die meisten deutschen Schulen verbindlich werden sollen, wird in Mannheim beraten, vorentschieden und nachbereitet.

In Mannheim? Die im Zweiten Weltkrieg weitgehend plattgebombte, von ihrem wiedererbauten Barockschloss aus in 144 Planquadrate eingeteilte Stadt an Rhein und Neckar hat nicht nur vor Zeiten die Uraufführung der Schillerschen „Räuber“ erlebt. Mannheim ist auch die Stadt des Dudens, steht also zwischen wortschäumender Revolte und wörtersammelnder Registratur.

Vor 125 Jahren ist in Leipzig das erste orthographische Wörterbuch des Gymnasiallehrers Konrad Duden erschienen. Die deutsche Teilung veranlasste den Duden-Verlag vor gut 50 Jahren von Sachsen nach Baden zu ziehen, und just in Mannheim wurde dann vor 40 Jahren auch das Institut für deutsche Sprache gegründet. Dieses Institut wird als wissenschaftliche Stiftung vom Land Baden-Württemberg sowie vom Bund und der Stadt Mannheim finanziert, es hat 103 Mitarbeiter, 39 Hilfskräfte, etwa 60 Gastwissenschaftler pro Jahr und nennt sich: die „zentrale außeruniversitäre Einrichtung zur Erforschung und Dokumentation der deutschen Sprache in ihrem gegenwärtigen Gebrauch und in ihrer neueren Geschichte“.

Kein Wunder, dass in dem stolzen, renovierten Backsteinbau am südlichen Innenstadtrand mit der mannheimtypischen Straßenadresse R 5, 6 - 13 (siehe oben, Planquadrate) als Untermieter des Instituts auch der Rat für deutsche Rechtschreibung residiert. Also das im Vollversammlungsfalle 38-köpfige Gremium von Linguisten, Sprachwissenschaftlern und zwei bis drei (nicht furchtbar bekannten) Autoren aus Deutschland, der Schweiz, Österreich, Liechtenstein und der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol, welches unter der Obhut des bayerischen Exministers Zehetmair gerade dabei ist, die Reform der vermaledeiten Rechtschreibreform zu betreiben. Womit klar ist: In Mannheim an der R 5, 6 - 13 sitzt praktisch das ZK der deutschen Sprache. Hier werden die Schriftzüge zwischen Nordsee und Kalterer See bestimmt.

Obwohl es der größeren Öffentlichkeit fast unbekannt geblieben ist, vergibt das Institut alljährlich den Hugo-Moser- Preis für germanistische Grundlagenforschung, es kümmert sich um „Korpustechnologie für Daten gesprochener Sprache“, hat das deutsche „Wendewörterbuch“ (’89 ff.) befördert und die Wechselfälle der „Standardsprache und regionalen Gebrauchsstandards“ (Mannheimerisch!) im Visier.

So lange auch die Rechtschreibreform ein Wechselfall bleibt, geht im Haus R 5, 6 - 13 die Arbeit nicht aus. Eben erst hat die (konkurrierende?) „Forschungsgruppe Deutsche Sprache“, ein von Walter Kempowski, Adolf Muschg und Sten Nadolny mitgetragener Verein in 83666 Waakirchen nachgezählt, dass sich ab morgen, zum Start der schulischen Rechtschreibreform, in Thomas Manns „Zauberberg“ statt „annähernd null etwa 8000 Rechtschreibfehler“ finden. Ein Fall für Mannheim. Und nicht für Mann.

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